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Der Nebel am Bach

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

An diesem Morgen war der Bach weg.

Kalle Kürbis stand am Gartentor und rieb sich die Augen. Der Bach war immer da. Man sah ihn vom Tor aus glitzern, jeden Tag.

Heute sah man gar nichts. Nur Weiß.

Der Nebel lag über allem wie eine dicke Decke. Der Zaun hörte nach drei Brettern auf. Der Baum daneben war nur noch ein grauer Schatten.

„Cool", sagte Kalle.

Kalle Kürbis ist zehn Ernten alt und angelt am liebsten. Sein Platz ist der krumme Weidenbaum am Bach. Da sitzt er, da ist es still, da beißen die Fische.

Benno Bohne kam mit seinem Rucksack und seiner Papierrolle.

„Ich zeichne heute das Stück hinter der Brücke", sagte Benno. „Kommst du mit?"

„Klar", sagte Kalle. „Ich angle."

Am Gartentor stand Christel Chicoree. „Wo geht ihr hin?"

„Zum krummen Weidenbaum", sagte Benno.

„Zu zweit?"

„Zu zweit", sagten beide.

„Gut", sagte Christel. „Ich bin an der Brücke. Ihr geht nicht weiter als bis zum Weidenbaum. Ich komme in zehn Minuten nach. Und ihr ruft alle zehn Schritte, damit ich euch finde."

Der Weg zum Bach war leicht. Den kannte Kalle ganz genau.

Aber im Nebel war er nicht leicht.

Denn der Nebel wurde dichter. Nicht dünner, wie Christel gedacht hatte — dichter.

Nach zwanzig Schritten sah Benno seine eigenen Füße nicht mehr richtig. Nach fünfzig Schritten war der Weg nur noch ein heller Streifen. Die Geräusche klangen komisch. Man wusste nicht mehr, woher sie kamen.

„Wir sind gleich da", sagte Kalle.

Sie waren nicht gleich da.

Benno rollte sein Papier auf und schaute darauf. Auf seiner Karte war alles eingezeichnet: der Weg, die Brücke, die krumme Weide, die Wasserrinne.

Aber auf einer Karte muss man wissen, wo man selbst ist.

„Ich sehe kein einziges Zeichen", sagte Benno. „Keinen Baum, keinen Zaun, nichts."

Er rollte die Karte wieder ein. Zum ersten Mal in seinem Leben half sie ihm gar nicht.

Sie gingen weiter.

Der Nebel roch nass und kalt. Kalles Angel stieß gegen etwas — ein Ast. Sie gingen daran vorbei. Sie gingen um einen Busch herum. Sie gingen an einem alten Holzpfahl vorbei.

Dann stand vor ihnen ein Baum, der ganz krumm war.

„Da ist er!", rief Kalle. „Der Weidenbaum!"

Sie liefen hin.

Und dann sahen sie, was unter dem Baum stand.

Kalles Eimer.

Genau da, wo er ihn vor einer halben Stunde abgestellt hatte.

Sie waren im Kreis gelaufen.

Benno ging um den Baum herum. Er suchte die Stelle, wo der Weidenbaum krumm ist wie ein Bogen.

Da war sie. Und daneben lagen ihre eigenen Fußspuren im nassen Gras. Zwei Paar. Sie zeigten genau dorthin, wo die beiden gerade standen.

Kalle setzte sich auf den Eimer. Seine Ohren waren rot.

„Ich kenne den Weg seit ich klein bin", sagte er leise.

Benno drehte sich einmal ganz herum. Weiß. Weiß. Weiß. Weiß.

Er wusste nicht mehr, aus welcher Richtung sie gekommen waren. Er wusste nicht, wo die Brücke war. Er wusste nicht einmal, wo das Dorf war.

Und Benno wusste sonst immer, wo man ist.

Einmal hatte er einen Weg gefunden, weil er nach unten geschaut hatte, dorthin, wo das Wasser lief. Heute sah er den Boden nicht.

„Kalle", sagte er, und seine Stimme klang klein. „Ich weiß es nicht."

Kalle stand auf. „Dann laufen wir einfach los."

„Nein", sagte Benno. „Genau das nicht."

Benno setzte sich neben Kalle auf die Erde.

„Wir gucken die ganze Zeit", sagte er. „Und da ist nichts zu gucken. Wir müssen was anderes machen."

„Was denn?"

„Stillsein", sagte Benno. „Und ganz genau hinhören."

Sie waren still.

Das ist schwerer, als es klingt. Kalles Beine zappelten. Zweimal wollte er aufstehen und loslaufen, und beide Male hielt Benno ihn am Ärmel fest.

Erst hörten sie ihr eigenes Atmen. Dann hörten sie einen Vogel, weit weg. Dann hörten sie, wie ein Tropfen von einem Blatt fiel.

Und der Nebel machte alles noch leiser. Wie eine dicke Decke über der ganzen Welt.

Und dann, ganz leise, hörten sie es.

Plätschern.

„Der Bach", flüsterte Kalle.

„Von da", sagte Benno und zeigte nach links.

Sie hörten noch einmal genau hin, um ganz sicher zu sein. Das Plätschern kam von links. Es wurde lauter, wenn sie den Kopf drehten.

„Und jetzt kommt das Wichtige", sagte Benno. „Wo läuft das Wasser hin?"

Kalle überlegte lange. Dann hellte sich sein Gesicht auf.

„Am Weg entlang", sagte er. „Der Bach läuft die ganze Zeit neben dem Weg."

„Und der Weg?", fragte Benno.

Kalle machte große Augen. „Der geht ins Dorf."

Sie standen auf und gingen los, dem Geräusch hinterher.

Aber sie gingen anders als vorher.

„Zehn Schritte", sagte Benno. „Dann bleiben wir stehen und rufen."

Und so machten sie es. Zehn Schritte. Stehen bleiben. „HALLO!" Warten. Und weiter.

Beim ersten Mal antwortete niemand. Nur ihre eigenen Stimmen kamen zurück, komisch und dumpf.

Beim zweiten Mal auch nicht.

Kalle schaute Benno an. „Und wenn keiner kommt?"

„Dann gehen wir eben selber am Bach entlang", sagte Benno. „Der Bach kennt den Weg. Wir müssen ihn nur hören."

Beim dritten Mal wurde das Plätschern lauter.

Beim fünften Mal sahen sie das Wasser vor ihren Füßen, dunkel und schnell.

Sie blieben sofort stehen. Nicht näher. Sie gingen ein paar Schritte zurück und liefen von da an neben dem Wasser her, nicht daran.

Beim siebten Mal antwortete jemand.

„HAAAALLO!"

Es war Bella Brokkoli. Und gleich danach machte es KLONG, KLONG, KLONG. Das war Emil Erbse. Er schlug mit einem Stock gegen das Geländer der Brücke, immer wieder, damit man wusste, wo er stand. Emil wusste genau, wo Kalle immer sitzt — die beiden angeln oft zusammen.

Kalle und Benno rannten fast. Zehn Schritte. Rufen. Zehn Schritte. Rufen. Und dann kam aus dem Weiß ein dunkler Bogen: die Brücke. Darauf standen Bella, Emil und Christel.

„Ihr wart lange", sagte Christel ruhig. Aber sie hielt beide ziemlich fest, als sie sie hatte.

Am Nachmittag ging der Nebel weg, und der Bach glitzerte wieder, als wäre nie etwas gewesen.

Benno saß am Küchentisch und zeichnete. Aber er zeichnete keinen Weg.

Er malte ein kleines Ohr.

„Was soll das?", fragte Kalle.

„Das ist für die Stellen, wo man was hören kann", sagte Benno. „Hier das Wasser. Hier der Wind in den Pappeln. Und hier, an der Brücke, das Klappern von dem losen Brett."

Er zeichnete drei Ohren auf die Karte.

„Für Tage, an denen man nichts sieht."

Und weil an so einem Tag jeder froh ist, wenn er eine Regel hat, gilt in Gemüseland seitdem die Nebel-Regel:

Nie allein losgehen. Immer sagen, wohin. Alle zehn Schritte stehen bleiben und rufen. Und wenn man nichts mehr weiß: stehen bleiben und hinhören.

Und wenn der Nebel richtig dick ist, geht ein Großer mit.

Kalle hat übrigens keinen einzigen Fisch gefangen.

„Macht nichts", sagte er. „Ich hab den Bach ja auch so gefunden."

Ende

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🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu