Die Kastanien-Bande
Vorlese-Fassung · 3–8 JahrePLOCK.
Etwas fiel auf das Schaukelbrett unter dem großen Baum. Dann rollte es. Dann fiel es herunter ins Gras.
PLOCK.
Noch eins.
„Die Kastanien sind da!", brüllte Arvid Artischocke über den ganzen Marktplatz — und rannte los, als hätte jemand „Los!" gerufen.
Nach vier Schritten rutschte er auf einer aus. PLUMPS.
„Ich hab eine!", rief er vom Boden.
Der große Baum auf dem Marktplatz, der mit dem Schaukelbrett, ist ein Kastanienbaum. Einmal im Jahr, wenn es kalt wird, macht er PLOCK. Dann liegen überall die stacheligen grünen Kugeln, und wenn man draufdrückt, springt eine Kastanie heraus. Braun. Glatt. Glänzend wie frisch geputzt.
Man muss aufpassen: Die grünen Kugeln haben Stacheln. Arvid drückte eine mit dem Daumen auf, sagte „Autsch", und machte es ab da mit dem Schuh, so wie Otto es ihm zeigte.
Jakob Jalapeño sammelte auch mit. Jakob sammelt langsam. Er hebt jede einzeln hoch und schaut sie an, so wie er es sonst mit Essen macht.
Nach einer Stunde hatte jedes Kind einen Korb voll.
Polly Pflaume auch.
Polly wohnt noch nicht lange in Gemüseland. Sie ist gern dabei, aber sie ist die, die als Letzte etwas sagt.
In ihrem Korb lagen einunddreißig Kastanien. Sie hatte mitgezählt.
Und dann war da noch eine, die lag nicht im Korb. Die steckte in ihrer Jackentasche: groß, fast rund, und obendrauf saß ein weißer Fleck, der aussah wie ein Stern.
„Die tausche ich nie", sagte Polly zu sich selbst.
Zwei Minuten später zeigte sie sie dem halben Dorf.
Till Tomate hatte inzwischen eine Tauschbude aufgebaut. Das war ein umgedrehter Korb mit einem Brett darauf.
„Getauscht wird HIER!", rief er.
Und alle tauschten.
Es ging ganz schnell. Zwei kleine für eine große. Eine glänzende für drei ohne Glanz. Eine mit Beule für zwei ohne Beule, aber nur, wenn ein Blatt dazukam.
Emil Erbse stand daneben und machte Striche auf einem Zettel. Bei so viel Getausche kam er kaum hinterher.
Polly stellte sich an. Sie fand alles aufregend.
„Dein ganzer Korb gegen meine zwanzig ganz Glatten?", sagte Till.
„Ja", sagte Polly.
Ihr voller Korb war weg. Sie hatte zwanzig.
„Und jetzt die zwanzig gegen zehn richtig große?"
„Ja", sagte Polly.
Zehn.
„Und die zehn gegen vier mit Glanz?"
„Ja", sagte Polly.
Vier.
„Und die vier gegen zwei ganz Runde?"
„Ja", sagte Polly.
Zwei.
Jakob Jalapeño stand daneben und wurde langsam rot. Noch röter, als er sowieso schon ist.
„Polly", sagte er. „Sag doch mal nein."
„Geht nicht", sagte Polly leise.
„Warum nicht?"
Polly zuckte mit den Schultern. „Dann bin ich die, die nicht mitmacht."
Und dann kam der Tausch, bei dem alles kippte.
„Deine Sternkastanie", sagte Till, „gegen drei kleine und ein halbes Blatt."
Polly schaute ihre Sternkastanie an.
Alle schauten Polly an.
„Ja", sagte Polly.
Die Sternkastanie war weg.
Jakob platzte los.
„DAS IST GEMEIN!", brüllte er und schlug mit der flachen Hand auf Tills Brett. Die Kastanien hüpften. Ein paar rollten über den Platz.
„Hey!", rief Till.
„DU NIMMST IHR ALLES WEG!"
Jetzt schrien beide. Um sie herum wurde es still. Es war die Stille, die weh tut.
Bella Brokkoli kam dazu, sagte aber nichts. Sie schaute nur Jakob an.
Jakob machte den Mund zu.
Dann atmete er dreimal tief ein und wieder aus. Und dabei sagte er ganz leise vor sich hin: „Möhrensuppe. Kürbisbrot. Apfelkuchen."
Er wurde nicht ganz ruhig. Aber er wurde ruhig genug.
„Tschuldigung, dass ich auf dein Brett gehauen hab", sagte er zu Till. „Das war falsch."
Er hob zwei Kastanien auf und legte sie zurück.
„Aber guck dir bitte mal an, was Polly noch hat."
Polly machte ihre Hand auf.
Drin lagen fünf winzige Kastanien und ein halbes braunes Blatt.
Till schaute in seinen Korb. Der war so voll, dass oben welche herunterkullerten.
„Emil", sagte Bella. „Was sagt dein Zettel?"
Emil las vor.
„Arvid hat vierzig Kastanien gesammelt. Frida achtundzwanzig. Jakob siebzehn. Polly einunddreißig." Er machte eine Pause. „Till hat neun gesammelt."
Alle drehten sich zu Till um.
„Neun?", sagte Arvid.
„Ich hab nicht gesammelt", sagte Till. „Ich hab getauscht."
„Und wie viele hast du jetzt?", fragte Bella.
Emil schaute in den Korb und rechnete. „So um die hundert."
Till wurde blass. Für einen Tomatenjungen ist das schwer, aber er schaffte es.
„Ich hab nicht geschummelt", sagte er. „Ich hab immer gefragt. Und alle haben Ja gesagt."
„Das stimmt", sagte Bella ruhig. „Du hast gefragt."
Sie hockte sich zu Polly.
„Und du?", fragte sie. „Hast du bei einem einzigen Tausch gedacht: das ist gut für mich?"
Polly schüttelte den Kopf.
„Nicht ein einziges Mal", sagte sie. „Ich hab immer nur gedacht: Jetzt bloß nichts Falsches sagen."
Till schaute in seinen vollen Korb. Dann in Pollys leere Hand. Und dann setzte er sich auf den umgedrehten Korb und sagte gar nichts mehr.
„Dann machen wir das jetzt anders", sagte Bella. „Ab heute gilt beim Tauschen: Beide müssen Ja sagen. Und beide dürfen Nein sagen. Laut."
„Nein sagen kann ich nicht", murmelte Polly.
„Dann üben wir", sagte Jakob.
Jakob nahm eine Kastanie und hielt sie hoch. „Deine fünf gegen meine eine?"
„Ja", sagte Polly.
„Falsch", sagte Jakob. „Noch mal."
„Deine fünf gegen meine eine?"
„… nein?", sagte Polly. Es klang wie eine Frage.
„Noch mal", sagte Jakob.
„Deine fünf gegen meine eine?"
„NEIN", sagte Polly.
Es war so laut, dass zwei Tauben aus dem Kastanienbaum flogen. Polly erschrak über sich selbst und hielt sich den Mund zu.
Dann fing sie an zu lachen.
Till stand auf, ging zu Polly und hielt ihr die Sternkastanie hin.
„Musst du nicht", sagte Polly.
„Doch", sagte Till. „Ich hab nämlich nicht gefragt, ob du es gut findest. Ich hab nur gefragt, ob du Ja sagst. Das ist was anderes."
Polly nahm ihre Kastanie zurück. Sie steckte sie ganz tief in die Tasche und hielt die Hand drauf.
„Danke", sagte sie. Und dann, weil sie es gerade geübt hatte, sagte sie noch etwas: „Und beim nächsten Mal frag mich zweimal. Beim ersten Mal sage ich nämlich immer Ja."
Till lachte. „Abgemacht."
Und dann tauschten sie noch einmal, alle zusammen, aber jetzt mit der neuen Regel. Es dauerte dreimal so lange. Es wurde dreimal so laut. Und am Ende hatte fast jeder ungefähr so viele wie vorher — nur Arvid hatte plötzlich vierundvierzig und wusste selbst nicht, wie.
PLOCK, machte der Baum.
„Fünfundvierzig", sagte Arvid.
Am Abend kam Arvid noch einmal zu Polly.
„Deine Sternkastanie", sagte er. „Ich will was ausprobieren. Ich lasse sie von der Rathaustreppe fallen und gucke, ob sie fliegt."
„Aufs Dach geht keiner!", rief Otto vorsichtshalber aus dem Hintergrund.
„Treppe!", rief Arvid zurück. „Ich hab Treppe gesagt!"
Polly machte den Mund auf.
Sie dachte an das Üben.
„Nein", sagte sie.
Arvid nickte. „War klar."
„Aber gucken darfst du", sagte Polly und machte die Hand auf.
Und Arvid guckte lange.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu