Wer nimmt die Tannenzweige?
Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre„Vier fehlen", sagte Otto Oregano.
Er stand hinter seinem Schuppen und zählte noch einmal. Mit dem Finger, einen nach dem anderen.
„Vier. Ganz sicher."
Hinter dem Schuppen lag ein Haufen Tannenzweige. Lange, grüne, die nach Wald rochen. Otto hatte sie im Wald geholt, zwanzig Stück, für den Adventskranz. In einer Woche ist der erste Advent. Dann macht Otto daraus den Kranz.
Jetzt waren es nur noch sechzehn.
In der Nacht hatte der Wind gepfiffen. Überall in Gemüseland lag Laub. Auf den Wegen, vor den Türen, in jeder Ecke.
Nur einen Laubhaufen fasste keiner an: den ganz hinten an Fridolins Hecke. Da wohnt Pieks, das Igelkind.
Otto strich sich über den Schnurrbart.
„Holt mir die Gemüsepolizei", sagte er.
Bella Brokkoli und Emil Erbse kamen sofort.
Emil zählte nach. Einmal. Zweimal. Dann schrieb er es auf seinen Zettel.
„Sechzehn", sagte er. „Und zwei davon sind kaputt."
Er zeigte auf zwei Zweige unten am Haufen. Sie waren in der Mitte umgeknickt. Und oben war der Haufen platt gedrückt. Eine runde Stelle. Als hätte sich jemand hineingesetzt.
Bella schaute Otto an. „Wer war gestern hier?"
Otto überlegte. „Am Abend kam Benno vorbei. Er wollte wissen, ob ich heute Nacht Wind rieche. Ich habe gesagt: ja. Dann ist er wieder gegangen."
Emil schrieb: Benno. Wind.
„Und danach?", fragte Bella.
„Danach war ich im Haus. Da hört man nichts, wenn der Wind so pfeift."
Da zupfte Emil Bella am Ärmel.
Den Weg herauf kam Arvid Artischocke. Und Arvid sah aus wie ein Tannenbaum. Oben auf seinem Kopf, zwischen den Blättern, steckten Nadeln. An seiner rot-weißen Jacke hingen Nadeln. Sogar an seinen Schuhen.
Als Arvid die drei sah, blieb er stehen.
Er wurde rot. Ganz rot, von unten bis oben. Dann schaute er auf seine Schuhe.
„Arvid", sagte Bella laut. „Warst du an Ottos Zweigen?"
„Ja", sagte Arvid ganz leise. „Aber ich …"
„Und wo sind die Zweige jetzt?"
Arvid machte den Mund auf. Er machte ihn wieder zu. Dann drehte er sich um und rannte weg. So schnell, dass er an der Ecke fast hinfiel.
Greta Gurke stand am Fenster. Rudi Rotkohl stand am Zaun. Beide hatten alles gehört.
Nach fünf Minuten wussten es alle: Arvid hat Ottos Zweige genommen.
Bella schaute lange auf die Ecke, hinter der Arvid verschwunden war.
Emil schrieb auf seinen Zettel: Arvid. Und dahinter ein Fragezeichen. Das malt Emil immer, wenn er etwas noch nicht weiß.
Am Abend roch Otto an der Luft.
„Heute Nacht kommt wieder Wind", sagte er.
Und in der Nacht pfiff der Wind um die Häuser, lauter als zuvor.
Am nächsten Morgen standen alle hinter Ottos Schuppen.
Emil zählte. Einmal. Zweimal.
„Zwölf."
Wieder vier weg.
Otto setzte sich auf einen umgedrehten Eimer. „Sonntag mache ich den Kranz", sagte er leise. „Wenn das so weitergeht, liegt am Sonntag hier gar nichts mehr. Und mehr hole ich nicht. Die Tanne im Wald gibt mir jedes Jahr zwanzig. Mehr nicht. Sonst hat sie selber keine mehr."
Da kam jemand um die Ecke. Langsam, den Kopf nach unten.
Arvid.
In der Hand hatte er eine Rolle Klebeband.
Ohne jemanden anzuschauen, ging er zum Haufen. Er zog die zwei kaputten Zweige heraus. Und dann fing er an, sie zu kleben. Rundherum. Ganz viel Klebeband.
RATSCH. RATSCH.
„Arvid", sagte Otto. „Was machst du da?"
„Die hab ich kaputt gemacht", sagte Arvid. Seine Stimme wackelte. „Am ersten Abend. Als der Wind kam. Ich wollte dich fragen, ob ich mal dran riechen darf. Fragen macht man ja. Aber du warst nicht draußen. Da hab ich nur ganz kurz gerochen. Nur mit der Nase. Und dann …"
„Plumps", sagte Otto.
„Plumps", sagte Arvid. „Mitten rein."
Emil schaute auf die platte Stelle oben im Haufen. Sie war genau so breit wie Arvids Po.
„Und die vier?", fragte Emil.
Arvid schaute ihn an. „Welche vier?"
Bella biss sich auf die Lippe.
Sie ging einen Schritt auf Arvid zu. „Arvid, ich …"
Aber Arvid klebte weiter.
RATSCH.
Emil schaute auf seinen Zettel. Dann strich er Arvids Namen durch.
„Jetzt haben wir gar nichts mehr", sagte er. „Keine Spur. Nichts."
Und am Sonntag sollte der Kranz fertig sein.
Bella ging ein paar Schritte weg. Sie steckte die Hände in die Taschen.
Überall lag Laub. Der Wind hatte es in der Nacht vor sich hergeschoben. Vor Gretas Tür lag ein Berg. An Rudis Zaun lag ein Berg. In jeder Ecke lag Laub, so hoch wie Bellas Knie.
Bella schaute und schaute.
Der Wind hat das ganze Laub hierher geweht, dachte sie. Dann fehlt es woanders.
Woanders.
Da riss sie die Augen auf.
„Emil!", rief sie. „Pieks!"
Emil ließ den Zettel fallen, hob ihn wieder auf und rannte hinter ihr her. Durch Fridolins Garten, ganz nach hinten, bis zur Hecke.
Da lag der Laubhaufen. Das Haus von Pieks.
Der Haufen war nicht weggeweht. Er war dick und rund, wie immer. Und obendrauf lagen Tannenzweige. Lange, grüne. Übereinander, wie ein Dach.
Emil ging ganz leise näher. Nicht anfassen, nur gucken. So ist das bei Pieks.
Er zählte mit dem Finger in der Luft.
„Acht", flüsterte er. „Vier und vier."
Dann hielt er Bella seinen Zettel hin. Ganz oben stand noch immer:
Benno. Wind.
Benno Bohne saß auf der Bank am Brunnen und malte an seiner Karte.
Als er Bella und Emil kommen sah, legte er den Stift weg.
„Hast du Pieks ein Dach gebaut?", fragte Bella.
Benno nickte.
„Sonst weht der Wind ihm das Laub weg", sagte er leise. „Seine Decke." Er zupfte an seiner Karte. „Eine Kiste geht nicht. Da kommt er nicht raus. Aber Zweige. Wie damals, als du ihm das kleine Dach gebaut hast. Nur größer. Die kleinen Zweige hat der Wind schon weggeweht."
„Warum hast du Otto nicht gefragt?", fragte Emil.
„Ich wollte. Es wurde gerade dunkel. Ich hab an Ottos Tür geklopft. Zweimal. Aber der Wind war so laut."
„Und am zweiten Abend?", fragte Emil.
Benno schaute auf seine Karte. „Da haben alle gesagt, Arvid war es. Da hab ich mich nicht mehr getraut." Er schluckte. „Und dann hab ich noch mal vier geholt. Ohne Klopfen."
Am Brunnen war es ganz still.
Dann stand Benno auf. Er rollte seine Karte zusammen.
„Ich sag es Otto", sagte er. „Selber."
Otto stand lange an der Hecke. Er sagte nichts. Benno stand neben ihm und hielt seine Karte fest, mit beiden Händen.
„Arvid", sagte Otto dann. „Einen ganzen Tag lang haben alle gedacht, er war es."
Benno nickte. Er schaute nicht hoch.
„Zu Arvid geh ich auch", sagte er. „Selber."
Otto sagte wieder nichts. Er bückte sich und schaute auf das Dach. Ganz genau. Ganz lange.
Dann sagte er: „Das ist ein gutes Dach."
Benno atmete aus.
„Die bleiben da", sagte Otto. „Der Kranz wird dieses Jahr eben ein bisschen dünner. Das merkt keiner."
„Doch", sagte Emil. „Ich."
Er schrieb ganz unten auf seinen Zettel, groß: Fall gelöst. Die Zweige sind bei Pieks.
Nach fünf Minuten wussten es alle: Arvid war es nicht. Arvid war nur reingefallen.
Bella fand Arvid hinter dem Schuppen. Er saß auf dem Eimer und klebte immer noch. Der eine Zweig sah jetzt aus wie ein Bein mit Verband.
Bella setzte sich neben ihn auf den Boden.
„Es tut mir leid", sagte sie. „Ich hab dich ganz laut gefragt. Vor allen."
Arvid klebte weiter.
Da nahm Bella eine Nadel von seiner Jacke. Und noch eine. Und noch eine. Es waren sehr viele.
Arvid hielt ganz still.
Nach ein paar Minuten sagte er: „Hinten sind auch noch welche."
Bella drehte ihn ein bisschen herum.
Da waren noch welche.
Es dauerte bis zum Mittagessen.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu