Die Kürbis-Nacht
Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre„Was ist denn das?", fragte Polly Pflaume.
Vor ihr auf dem Tisch lag ein Kürbis. Ein riesiger. Er war orange und rund und hatte ein Loch im Deckel.
Und mitten in seinem Gesicht waren zwei spitze Augen und ein Mund mit spitzen Zähnen.
„Das", sagte Freddy Fenchel, „ist eine Kürbis-Laterne."
Polly machte einen Schritt zurück.
„Der guckt aber böse."
„Ja", sagte Freddy. „Das soll er auch."
Freddy Fenchel war der Papa von Frida und Hanna. Er hatte einen dicken Pullover an und Erde an den Händen, denn er hatte Rudi den ganzen Nachmittag beim Kürbis-Ernten geholfen.
Auf dem Tisch vor ihm lagen noch acht davon.
„Morgen ist Kürbis-Nacht", sagte er. „Das größte Fest im Herbst. Jedes Kind schnitzt eine Laterne. Wenn es dunkel wird, gehen alle mit ihrer Laterne einmal um das ganze Dorf."
Polly schluckte.
„Im Dunkeln?"
„Im Dunkeln."
„Und alle Laternen gucken so böse wie die da?"
„Manche noch böser", sagte Freddy fröhlich.
Polly sagte nichts mehr. In ihrem alten Dorf hatte es so ein Fest nicht gegeben. Die Kürbis-Nacht war ihre allererste.
Sie schaute die Kürbis-Laterne an.
Die Kürbis-Laterne schaute zurück.
Am nächsten Morgen saßen alle Kinder auf dem Marktplatz und schnitzten. Freddy und Rudi saßen mit am Tisch. Die Deckel schnitten sie selber auf, denn das ist die schwerste Stelle.
„Zwei Regeln", sagte Freddy. „Das Messer geht immer vom Bauch weg. Und keiner schnitzt allein."
Frida schnitzte einen Kürbis mit riesigen Zähnen. Hanna schnitzte einen mit ganz kleinen Augen, was noch viel unheimlicher aussah. Arvid schnitzte irgendetwas, das dann in der Mitte durchbrach, und fing noch einmal von vorne an.
Emil Erbse schnitzte mit der Lupe in der einen Hand und dem Messer in der anderen.
„Ganz genau muss das werden", sagte er.
„Emil", sagte Bella Brokkoli neben ihm. „Der soll gruselig aussehen. Nicht ordentlich."
Emil schaute seinen Kürbis an. Der Kürbis schaute sehr ordentlich zurück.
Nur Polly saß vor ihrem Kürbis und rührte sich nicht.
Freddy setzte sich neben sie auf die Bank.
„Deiner ist noch ganz glatt", sagte er.
„Ich weiß nicht, was ich schnitzen soll."
„Was Gruseliges. Das gehört dazu."
„Ich mag nichts Gruseliges", sagte Polly leise.
Freddy nickte langsam. Er nahm sich einen kleinen Kürbis und fing selbst an zu schnitzen.
„Weißt du, warum wir das machen?", fragte er.
Polly schüttelte den Kopf.
„Weil es im Herbst früh dunkel wird", sagte Freddy. „Und im Dunkeln ist einem manchmal ein bisschen mulmig. Darum bauen wir uns ein Licht, das ein Gesicht hat. Und dann tragen wir es selber durch die Nacht. Dann ist das Dunkle nur noch halb so dunkel."
Er hielt seinen Kürbis hoch. Er hatte ihm eine schiefe Nase geschnitzt.
Polly musste ein bisschen lachen.
Aber schnitzen wollte sie immer noch nicht.
Am Nachmittag standen überall auf dem Platz fertige Laternen.
Nur vor Polly lag ein Kürbis ohne Gesicht.
„Fängst du gar nicht an?", fragte Frida.
„Doch", sagte Polly. „Gleich."
Sie nahm das kleine Schnitzmesser. Sie setzte es an.
Dann legte sie es wieder hin.
Sie stand auf und ging hinter den Brunnen, wo niemand sie sehen konnte.
Dort setzte sie sich auf die kleine Bank und schaute auf ihre Füße.
Sie hörte die anderen lachen. Jemand rief: „Meiner ist der Gruseligste!"
Polly zog die Schultern hoch. Vielleicht bleibe ich heute Abend einfach zu Hause, dachte sie. Dann merkt es keiner.
„Da bist du ja", sagte eine Stimme.
Freddy setzte sich neben sie auf die Bank. Er sagte lange nichts.
„Wovor genau hast du Angst?", fragte er dann. „Vor dem Dunkeln?"
Polly überlegte.
„Nein", sagte sie. „Vor den Gesichtern."
„Vor den Kürbis-Gesichtern?"
Polly nickte. „Sie gucken alle so böse. Und heute Abend sind sie überall. Und ich weiß gar nicht, wie das geht, so eine Kürbis-Nacht."
Freddy schaute sie an. Und dann sagte er etwas ganz anderes, als Polly gedacht hatte:
„Du musst nicht mitkommen."
Polly schaute hoch. „Wirklich?"
„Wirklich", sagte Freddy. „Aber es wäre schade. Weil es nämlich schön ist. Und weil die Angst vor etwas meistens weggeht, sobald man einmal mitgemacht hat."
Er stand auf und klopfte sich die Hände ab.
„Dein Kürbis liegt noch da. Bis es dunkel wird, ist noch Zeit."
Polly saß noch lange am Brunnen.
Dann ging sie zurück zum Tisch. Sie setzte sich vor ihren Kürbis. Und sie dachte nach.
Vor den Gesichtern, hatte sie gesagt.
Sie schaute die anderen Laternen an. Zähne. Spitze Augen. Schiefe Münder.
Und plötzlich hatte sie eine Idee.
Sie nahm das Messer. Und diesmal fing sie an.
Freddy setzte sich zu ihr an den Tisch, so wie bei den anderen auch. Polly schnitzte nicht schnell. Sie schnitzte sehr genau. Und damit keiner ihr Gesicht vorher sah, stellte sie einen Korb davor.
Als es langsam dunkel wurde, war sie fertig.
Alle Kinder trafen sich am großen Baum auf dem Marktplatz. Jedes hatte seine Laterne in der Hand. Kleine Lichter zitterten hinter den geschnitzten Gesichtern.
Es war schon fast dunkel.
„Wo ist Polly?", fragte Frida.
Und da kam Polly.
Sie trug ihre Laterne mit beiden Händen vor sich her. Und alle drehten sich um und schauten.
Denn ihr Kürbis war der einzige, der nicht böse guckte.
Er lachte.
Er hatte einen riesigen, breiten Mund von einem Ohr zum anderen und zwei große runde Augen. Er sah aus, als hätte ihm gerade jemand den besten Witz der Welt erzählt.
„Das ist ja gar nicht gruselig", sagte Arvid.
„Nein", sagte Polly.
„Warum denn nicht?"
Polly hielt die Laterne ein bisschen höher.
„Weil ich Angst vor den Gesichtern hatte", sagte sie. „Und vor dem hier habe ich keine."
Einen Moment sagte niemand etwas.
Dann rief Frida: „Meiner guckt viel zu böse. Ich will auch einen, der lacht!"
„Nächstes Jahr", rief Freddy vom Baum her. „Nächstes Jahr darf jeder schnitzen, was er will."
Dann sagte er nichts mehr. Er lächelte nur.
Dann gingen sie los.
Einmal um das ganze Dorf, am Feldweg entlang und wieder zurück. Vorne ging Freddy mit der großen Laterne. Ganz hinten gingen Rudi und Otto, damit niemand verloren ging. Und dazwischen eine lange Reihe kleiner Lichter, immer zwei Kinder Hand in Hand.
Am Bach ging es nicht entlang.
„Nachts nicht ans Wasser", sagte Freddy. „Das ist die dritte Regel."
Es war gar nicht so dunkel, wie Polly gedacht hatte. Wenn viele Laternen zusammen leuchten, wird eine ganze Nacht ziemlich hell.
Und irgendwann, ungefähr auf halbem Weg, merkte Polly etwas.
Sie hatte gar keine Angst mehr.
Sie hatte sie irgendwo unterwegs verloren und nicht einmal gemerkt, wo.
Als sie wieder auf dem Marktplatz ankamen, stellten alle ihre Laternen oben auf die breite Treppe vor dem Rathaus, eine neben der anderen.
Neunzehn böse Kürbisse.
Und einer, der lachte.
„Der fällt aber auf", sagte Hanna.
„Meiner ist der Ordentlichste", sagte Emil.
„Das ist keine Kategorie", sagte Bella.
„Ja", sagte Polly zufrieden.
Rudi hatte unten auf dem Platz Decken ausgelegt. Alle setzten sich darauf und schauten hinauf zu den Lichtern.
„Und?", fragte Freddy. „Wie war deine erste Kürbis-Nacht?"
Polly überlegte lange.
„Nächstes Jahr", sagte sie dann, „schnitze ich zwei."
„Zwei?"
„Einen, der lacht", sagte Polly. „Und einen ganz gruseligen. Damit ich beides mal probiert habe."
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu