Der Bademeister im Winter
Vorlese-Fassung · 3–8 JahrePFIIIIIIIIFF!
Kalle Kürbis ließ vor Schreck seine Angel fallen.
Er schaute sich um. Am Teich war niemand. Auf dem Weg war niemand. Nur oben am Schwimmbad, hinter dem Zaun, stand eine große grüne Figur in roter Kleidung.
Willi Wirsing. Der Bademeister.
Er stand auf seinem hohen Stuhl, wie jeden Tag. Er hatte die Trillerpfeife im Mund, wie jeden Tag.
Nur war das Schwimmbecken leer. Es war seit vier Wochen leer. Es war ja November.
„Willi?", rief Kalle. „Da ist doch keiner drin!"
Willi nahm die Pfeife aus dem Mund.
„Ich weiß", sagte er.
Im Sommer war Willi Wirsing der Wichtigste von ganz Gemüseland.
Wirklich. Man konnte nicht ins Wasser, ohne an ihm vorbeizukommen. Er zeigte den Kleinen, wie man die Arme bewegt. Er pfiff, wenn jemand am Beckenrand rannte. Und einmal hatte er Arvid Artischocke aus dem tiefen Ende geholt, ganz ruhig, als wäre es nichts.
„Der Willi passt auf", sagten alle. „Dann kann nichts passieren."
Und dann wurde es kalt. Das Wasser kam raus. Die Liegestühle kamen weg.
Und Willi saß trotzdem jeden Morgen auf seinem Stuhl.
Kalle Kürbis saß fast jeden Tag unten am Teich und angelte, da wo der Erbsenbach hineinfließt. Emil Erbse kam oft dazu. Angeln kann man gut zu zweit, auch wenn man dabei nichts sagt.
„Guck mal", sagte Kalle eines Tages und zeigte hoch zum Zaun.
Emil guckte.
„Der sitzt da immer noch."
„Seit vier Wochen", sagte Kalle. „Willi lacht doch sonst immer. Und jetzt redet er fast nichts mehr."
Emil legte seine Angel hin.
„Wir müssen was tun", sagte er.
Der erste Versuch war Bellas Idee.
„Wir geben ihm Aufgaben", sagte Bella Brokkoli. „Dann hat er was zu tun."
Also fragten sie ihn, ob er Schnee schippen könnte.
Willi schippte Schnee. Er machte es ganz genau, so wie er alles ganz genau machte. Am Ende lag kein einziges Blatt mehr auf dem Weg.
„Und jetzt?", fragte er.
Dann fragten sie, ob er Holz stapeln könnte. Willi stapelte Holz. Der Stapel wurde so gerade wie eine Mauer.
„Und jetzt?", fragte er.
Am Abend saß er wieder auf seinem Stuhl.
„Es ist nicht dasselbe", sagte Kalle leise.
„Nein", sagte Emil.
Der zweite Versuch war schlimmer.
„Komm doch mit rodeln!", riefen sie. „Alle sind da!"
Willi schaute den Hügel hinunter. Da rutschten die Kinder herum. Sie schrien und lachten.
„Danke", sagte Willi. „Ich passe lieber auf."
„Auf was denn?", fragte Kalle. Es war ihm einfach so herausgerutscht.
Willi antwortete nicht gleich.
„Im Winter", sagte er dann, „braucht mich keiner."
Er sagte es ganz ruhig. Er war nicht einmal traurig dabei. Kalle wurde ganz komisch im Bauch.
Kalle stand noch lange am Zaun, nachdem Willi gegangen war.
In dieser Nacht wurde es richtig kalt.
Otto Oregano hatte es am Abend gerochen — er riecht das Wetter, und er hat meistens recht. „Diese Nacht", hatte er gesagt, „friert der Teich zu."
Am Morgen war der Teich weiß.
Und um acht Uhr standen zwanzig Kinder davor.
„EIS!", schrie Arvid. „Wir können SCHLITTSCHUH LAUFEN!"
Er machte einen Schritt nach vorn.
„HALT!", rief Bella.
Alle blieben stehen.
„Wir wissen doch gar nicht, ob es trägt", sagte Bella.
„Es sieht dick aus", sagte Arvid.
„Aussehen ist nicht dasselbe wie wissen", sagte Emil. Er blieb im Gras stehen und schaute von dort auf das Eis. Er machte keinen einzigen Schritt nach vorn.
„Kannst du das nicht sehen?", fragte Arvid.
„Ich sehe Eis", sagte Emil. „Wie dick es ist, sehe ich nicht. Das kann auch meine Lupe nicht. Das kann überhaupt kein Kind sehen."
Zwanzig Kinder standen um den Teich herum. Keiner wusste, was jetzt. Und kein einziger Großer war da.
Kalle Kürbis drehte sich um und rannte los.
Er rannte den ganzen Weg bis zum Schwimmbad hoch. Am Zaun musste er erst einmal tief Luft holen.
„WILLI!"
Willi stand schon auf seinem Stuhl.
„Der Teich ist zu!", rief Kalle. Er atmete ganz schnell. „Alle wollen drauf! Und keiner weiß, ob es hält!"
Willi Wirsing schaute ihn an.
Dann kletterte er von seinem Stuhl.
Er ging in seine kleine Hütte. Drinnen klapperte es. Es klapperte ziemlich lange.
Dann kam er wieder heraus. Er hatte einen langen Stock in der Hand. Über der Schulter hing ein Seil. Und unter dem Arm trug er den rot-weißen Rettungsring.
Und er ging nicht mehr langsam.
„Dann komm", sagte er.
Am Teich wurde es still, als Willi ankam.
Christel Chicoree kam mit. Sie ist die Schwimmlehrerin, und am Teich ist sie zuständig.
Willi sagte erst mal gar nichts. Er ging langsam am ganzen Ufer entlang, einmal herum.
Dann band er sich das Seil um und gab Christel das andere Ende.
„Halt fest", sagte er. „Ich gehe nie allein aufs Eis. Keiner geht allein aufs Eis."
Dann trat er ganz vorsichtig an den Rand und klopfte mit dem Stock aufs Eis. Einmal. Zweimal. Er hörte hin.
Das hat Willi gelernt. Jahrelang. Es dauert sehr lange, bis man das kann.
Er ging drei Schritte weiter und klopfte wieder.
„Was macht er da?", flüsterte Arvid.
„Er hört, wie dick es ist", flüsterte Emil zurück. „Das darf nur er. Wir dürfen das nicht. Auch nicht mit einem Stock."
Willi ging bis zur Mitte, langsam, das Seil hinter sich her. Er klopfte. Er kniete sich hin und schaute ganz nah aufs Eis.
Dann stand er auf, drehte sich um — und nahm die Trillerpfeife in den Mund.
PFIIIIIIIIFF!
„Es trägt!", rief er. „Aber nur bis zum Steg! Weiter hinten ist es dünn. Da geht keiner hin!"
Zwanzig Kinder jubelten so laut, dass die Krähen aus den Bäumen flogen.
Sie liefen den ganzen Vormittag.
Willi stand am Rand, den Rettungsring neben sich, und schaute zu. Manchmal pfiff er kurz, wenn ein Kind zu weit nach hinten rutschte. Dann kam es sofort zurück.
Beim Mittagessen setzte sich Kalle neben ihn.
„Willi", sagte er. „Wie oft musst du das jetzt machen?"
„Jeden Morgen", sagte Willi. „Eis ändert sich über Nacht. Was gestern gehalten hat, hält heute vielleicht nicht mehr."
Kalle dachte darüber nach.
„Dann brauchen wir dich ja jeden Tag."
Willi Wirsing sagte nichts dazu.
Aber er saß den ganzen Nachmittag ganz gerade auf seinem Stuhl.
Seitdem gibt es in Gemüseland eine Regel, und alle kennen sie, sogar die Kleinsten:
Aufs Eis geht keiner, bevor Willi gepfiffen hat.
Und nie allein. Nie ohne einen Großen.
Kalle hat an diesem Morgen noch etwas gelernt: Wenn keiner weiß, ob etwas sicher ist, holt man einen Großen. Sofort. Bevor man einen einzigen Schritt macht.
Und Willi? Willi geht jeden Wintermorgen einmal um den Teich, klopft mit seinem Stock und hört hin. Manchmal pfeift er. Manchmal schüttelt er den Kopf und sagt: „Heute nicht."
Dann geht auch keiner drauf. Nicht einer.
Und im Sommer, wenn das Becken wieder voll ist, sitzt Willi Wirsing oben auf seinem Stuhl und passt auf.
Im Sommer wird Willi gebraucht. Und im Winter jetzt auch.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu