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Der erste Frost

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

„Riecht ihr das auch?"

Otto Oregano stand am Feldrand und roch an der Luft.

Er machte das jeden Abend. Meistens sagte er dann irgendetwas über morgen, und meistens hatte er recht.

Heute sagte er lange gar nichts.

„Otto?", fragte Benno Bohne.

Otto zog noch einmal die Luft durch die Nase.

„Heute Nacht kommt der Frost", sagte er.

Bauer Fridolin Frühlingszwiebel ließ die Harke fallen.

„Heute Nacht? Schon?"

„Riech selbst", sagte Otto.

Fridolin roch. Und dann wurde er ganz blass um den Bart.

„Der Salat", sagte er. „Die jungen Erbsen. Der ganze hintere Acker."

„Was passiert denn, wenn es friert?", fragte Benno.

Fridolin zeigte auf die kleinen grünen Reihen.

„In den Blättern ist Wasser", sagte er. „Und wenn Wasser friert, wird es hart und spitz. Dann sind die Blätter am Morgen schwarz."

„Alle?"

„Alle."

Benno schaute auf den Acker. Er war groß. Er war sehr groß.

„Und was macht man dagegen?"

„Man deckt sie zu", sagte Fridolin. „Vor Sonnenuntergang. Danach wird es zu kalt."

Benno schaute zur Sonne. Sie stand schon tief über den Bäumen.

„Wie lange haben wir noch?"

Otto und Fridolin schauten beide hoch.

„Zwei Stunden", sagte Otto. „Vielleicht zweieinhalb."

Fridolin rannte zum Schuppen. Benno rannte hinterher.

Im Schuppen stapelten sich die Decken. Alte, dicke, gute Decken.

Fridolin zählte.

„Vierzehn", sagte er.

Sie trugen alle vierzehn hinaus und breiteten sie über die ersten Reihen.

Dann schauten sie auf den Rest des Ackers.

Er war immer noch groß. Er war fast genauso groß wie vorher.

„Das reicht kaum für ein Eckchen", sagte Fridolin leise.

Benno rechnete im Kopf. Vierzehn Decken. Und der Acker hatte über hundert Reihen.

„Wir brauchen hundert", sagte er.

„Wir haben vierzehn."

Sie holten alles, was sie finden konnten.

Bella Brokkoli lief von Haus zu Haus und fragte nach Decken. Emil Erbse fuhr mit dem Fahrrad hinterher und lud auf, was sie herausgab.

Christel brachte Handtücher. Rudi kam mit zwei alten Säcken und einer Tischdecke. Greta brachte ihre große Plane vom Markt. Hanna brachte sogar ihre Bettdecke. „Das musst du wirklich nicht", sagte Fridolin. Er sagte es zweimal. Hanna legte sie trotzdem hin.

Sie deckten und deckten.

Und dann war nichts mehr da.

Fast der halbe Acker lag noch offen. Reihe um Reihe kleiner grüner Blätter.

Die Sonne hing jetzt genau auf den Baumspitzen.

„Es geht nicht", sagte Fridolin. Er setzte sich auf eine Kiste. „Wir haben nicht genug."

Alle standen herum und schauten auf den offenen Acker. Keiner wusste etwas.

Nur Benno stand ein Stück abseits und schaute in eine ganz andere Richtung.

Er dachte an den Wald hinter dem Bach. Im letzten Frühling war er dort gewesen. Ganz früh. Da wuchs sonst noch nirgends etwas.

Und dann fiel ihm etwas ein.

Benno schaute zu Fridolins Garten hinüber.

Dort, hinter der Mauer, lag seit Wochen der große Laubhaufen. Rot, gelb, braun. Riesig.

„Fridolin", sagte er. „Was macht das Laub im Wald?"

Fridolin schaute hoch. „Was soll es machen?"

„Unter dem Laub im Wald wächst im Frühling immer zuerst was", sagte Benno. „Da ist es wärmer. Ich hab's gesehen."

Fridolin richtete sich langsam auf.

„Weil die Luft zwischen den Blättern liegt", sagte er. „Wie in einer Decke."

„Und wir haben einen ganzen Berg davon."

Zwei Sekunden war es still.

Dann rief Fridolin: „HARKEN! ALLE! SOFORT!"

Was dann kam, hat in Gemüseland noch niemand vergessen.

Sie schoben das Laub in Schubkarren. Rudi fuhr, Christel lud auf, Hanna rannte mit einem Eimer nebenher. Arvid trug so viel auf einmal, dass er nichts mehr sah, und lief zweimal gegen den Zaun.

„Arvid!", rief Fridolin. „Weniger auf einmal!"

„Weniger dauert länger!", rief Arvid zurück und lief gegen den Zaun. Beim dritten Mal nahm er weniger. Da sah er den Zaun.

Ganz hinten an der Hecke blieb ein Haufen liegen. Da ging keiner hin. Da schlief jemand drin.

Aber das Laub wehte weg. Kaum lag es auf den Reihen, nahm der Abendwind es wieder mit.

„Es hält nicht!", rief Christel.

„Wir brauchen was Schweres!", rief Bella.

Benno stand mitten auf dem Acker und dachte nach.

„Kisten!", rief er. „Wer hat Kisten?"

Sie schleppten alle Obstkisten vom Markt heran.

„Laub drauf!", rief Benno. „Kiste drüber! Immer abwechselnd!"

Und dann ging es: Laub auf die Reihe. Kiste umgedreht obendrauf. Die Kiste hielt das Laub fest, und zwischen den Holzstäben war trotzdem Luft.

Kiste. Laub. Kiste. Laub.

Die Sonne war nur noch ein oranger Streifen.

„Noch vier Reihen!", rief Fridolin.

Kiste. Laub. Kiste.

„Noch zwei!"

Es wurde kalt. Man sah schon den eigenen Atem.

„EINE!"

Arvid warf die letzte Kiste um, stolperte über sie und legte sie richtig hin, alles in einer Bewegung.

Dann war der Streifen weg.

Es wurde sehr still auf dem Acker.

Alle standen da, außer Atem, mit roten Nasen, und schauten auf den halben Acker unter Decken, den anderen halben unter Laub und umgedrehten Kisten. Zwischen Hannas Bettdecke und Gretas großer Plane schaute eine Ecke von Rudis Tischdecke hervor.

Es sah furchtbar aus.

„Das ist der hässlichste Acker der Welt", sagte Rudi.

„Ja", sagte Fridolin.

Und dann fing er an zu lachen, und alle anderen lachten mit.

Am nächsten Morgen war alles weiß.

Weißer Frost lag auf der Mauer, auf dem Zaun, auf den Kisten. Jedes Gras am Wegrand hatte einen weißen Rand.

Benno hatte fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Was, wenn das mit dem Laub gar nicht stimmte? Er hatte es doch nur einmal gesehen, im Wald, im Frühling.

Fridolin und Benno gingen als Erste hinaus. Sie hoben die erste Kiste an.

Darunter war es dunkel und ein bisschen feucht.

Und grün.

Sie hoben die nächste an. Grün.

Und die nächste. Grün.

Emil kam angerannt, mit Bella hinterher.

„Und?", rief er schon von weitem.

Fridolin ging die ganze Reihe entlang und hob eine Kiste nach der anderen an, und bei jeder sagte er dasselbe Wort, immer leiser:

„Grün. Grün. Grün."

Dann setzte er sich mitten auf den kalten Weg und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

„Ist dir was ins Auge geflogen?", fragte Benno.

„Ja", sagte Fridolin. „Genau das." Und dabei lachte er.

Seitdem gibt es in Gemüseland den Laubhaufen nicht mehr nur zum Springen.

Wenn Otto abends an der Luft riecht und sagt, dass es kalt wird, dann weiß jeder, was zu tun ist: Laub auf die Reihen, Kiste obendrauf.

Sie nennen es das Winterbett.

Und im Schuppen hängt seitdem ein Schild. Ganz oben steht in dicken Buchstaben:

WENN OTTO RIECHT

Ende

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