Die Torte im Schnee
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreUm sieben Uhr morgens schrie jemand so laut, dass in ganz Gemüseland die Fenster aufgingen.
Aber der Reihe nach.
Die Torte war ein Wunder.
Drei Kuchen standen übereinander, einer immer kleiner als der andere. Wie drei Stockwerke in einem Haus. Weiße Creme. Oben drauf gezuckerte Beeren, die aussahen wie kleine rote Steine im Schnee.
Rosa Rosenkohl hatte zwei Tage daran gebacken. Jetzt stand sie in ihrer Backstube und schaute die Torte an. Sie hatte Mehl auf den Wangen. Und sie freute sich sehr.
„Für morgen", sagte sie. „Für alle."
Morgen war das Winterfest.
Aber die Backstube war warm. Und in der Wärme wird die Creme weich.
„Dann stelle ich sie eben raus", sagte Rosa. „Kälter als draußen wird es nirgends."
Sie trug die Torte hinaus auf den kleinen Tisch hinter der Backstube. Sie stellte einen Deckel darüber. Sie ging zufrieden schlafen.
In der Nacht fing es an zu schneien.
Um sieben Uhr morgens hörte ganz Gemüseland einen Schrei.
Als die Ersten ankamen, stand Rosa hinter der Backstube und zeigte auf den Tisch.
Der Tisch war leer.
Kein Deckel. Keine Torte. Nichts.
„Zwei Tage", sagte Rosa. Ihre Stimme wackelte. „Zwei ganze Tage."
Um sie herum lag der Schnee, glatt und weiß und ganz frisch.
Nach fünf Minuten war Emil Erbse da. Mit einem Messstock.
„Fünfzehn Zentimeter", sagte er und zog den Stock aus dem Schnee. „So viel ist heute Nacht gefallen. Das ist eine Menge."
„Und wo ist meine Torte?", sagte Rosa.
Emil schaute sich um. Der ganze Hof war weiß. Der Zaun war weiß. Die Bank war weiß. Alles sah aus wie alles.
„Ich weiß es nicht", sagte Emil. Das sagt er sonst nie.
„Vielleicht", sagte Arvid Artischocke mit großen Augen, „ist sie WEGGEFLOGEN."
„Nichts fliegt", sagte Bella Brokkoli.
„Die Zucchini sind mal geflogen", sagte Arvid.
Bella machte den Mund auf. Dann machte sie ihn wieder zu. Da hatte er leider recht.
Sie suchten den ganzen Vormittag.
Zuerst schauten sie in der Backstube nach. Vielleicht hatte Rosa die Torte in der Nacht doch wieder hereingetragen und es einfach vergessen.
„Ich vergesse keine Torte", sagte Rosa.
Sie war nicht drin.
Dann schauten sie im Schuppen nach. Dann im Keller. Dann noch einmal im Schuppen. Arvid sagte, beim ersten Mal hatte er nicht richtig geguckt.
Dann klopften sie an jede Tür im Dorf.
Rudi hatte nichts gesehen. Greta hatte nichts gesehen. Otto hatte nichts gesehen, und Otto sieht sonst alles.
Um elf Uhr hatten sie überall gesucht. Es gab keinen Platz mehr, in den man noch schauen konnte.
Rosa setzte sich auf die Stufe vor ihrer Backstube und sagte gar nichts mehr.
Arvid Artischocke sah sie da sitzen, ganz allein.
Er weiß, wie sich das anfühlt. Er hat mal auf einer Bank gesessen, ganz allein, und alle anderen haben weitergemacht.
Also lief er los und holte jemanden.
Und so kam Stefanie Spargel.
Stefanie ist sieben und die Tänzerin von Gemüseland. Sie ist groß und dünn wie ein Halm. Sie wollte gerade üben gehen, denn beim Winterfest sollte sie tanzen. Ihre Ballettschuhe hatte sie unter dem Arm.
„Da bist du ja", sagte Bella. Die beiden üben oft zusammen Tänze ein. „Wir finden sie nicht."
Stefanie setzte sich neben Rosa auf die Stufe.
„Ist es sehr schlimm?", fragte sie.
„Ziemlich", sagte Rosa.
„Backst du eine neue?"
„Bis morgen früh?" Rosa schüttelte den Kopf. „Die Creme muss über Nacht fest werden. Das schafft keiner."
Dann saßen sie beide da und schauten auf den weißen Hof. Es war ganz still. Nur ganz hinten hörte man Arvid, der immer noch im Schuppen suchte.
Nach einer Weile stand Stefanie auf.
Sie stellte sich in die Mitte des Hofes und drehte sich ganz langsam einmal im Kreis. So macht sie das immer, bevor sie tanzt: erst gucken, wo alles ist.
Und dabei sah sie etwas.
„Rosa", sagte sie. „Warum ist der Schnee da drüben höher?"
Rosa schaute hin.
Mitten auf dem Hof, ein paar Schritte vom Tisch entfernt, war der Schnee nicht flach. Da war ein Hügel. Ein ziemlich runder Hügel.
Ein Hügel mit drei Stufen.
„EMIL!", schrie Rosa.
Sie rannten alle gleichzeitig hin.
Und dann standen sie um den Hügel herum und trauten sich nicht, ihn anzufassen.
Emil ging als Erster in die Hocke und schaute ihn von der Seite an.
„Er hat drei Stockwerke", flüsterte Bella.
„Und oben ist er rund", sagte Emil. „Schnee wird nicht von allein rund."
Stefanie ging in die Knie und pustete ganz vorsichtig.
Der Schnee flog weg. Darunter war etwas Weißes. Und das war kein Schnee.
Creme.
„SIE IST DA!", brüllte Arvid so laut, dass Rosa sich die Ohren zuhielt.
Sie pusteten und wischten, bis die ganze Torte wieder dastand.
Der Deckel lag ein Stück weiter im Schnee. Der Wind hatte ihn in der Nacht heruntergeweht und weggeschoben.
Und dann hatte der Schnee die ganze Nacht Zeit. Flocke für Flocke. Stunde um Stunde. Am Morgen war die Torte ein weißer Hügel. Mitten in einem Hof, der auch ganz weiß war.
„Der Tisch", sagte Emil langsam und schaute noch einmal hin. „Der ist ja gar nicht der Tisch."
Er klopfte auf den Hügel neben der Torte. Es machte plock.
Der Tisch stand genau da. Unter dem Schnee. Rosa hatte ihn nur nicht wiedererkannt, weil alles gleich weiß war.
„Ich habe sie überhaupt nicht verloren", sagte Rosa.
„Nein", sagte Emil. „Du hast sie nur nicht gesehen. Das ist was anderes."
Beim Winterfest am Abend stand die Torte mitten auf dem großen Tisch.
Sie sah aus wie vorher. Fast. Ein bisschen schief war sie geworden. Und an einer Ecke fehlte Creme. Arvid war beim Pusten zu nah dran gewesen.
„Sie ist nicht mehr perfekt", sagte Rosa.
„Sie ist besser", sagte Bella. „Jetzt hat sie eine Geschichte."
Stefanie tanzte. Sie drehte sich erst einmal ganz langsam im Kreis, wie immer. Dann ging es los, und sie wirbelte so schnell, dass ihr Kleid flog.
Alle klatschten mit. Willi Wirsing klatschte am lautesten, und er pfiff sogar einmal dazu.
Und dann aßen sie die Torte bis auf den letzten Krümel.
Am Ende des Abends kam Rosa noch einmal zu Stefanie.
„Woher wusstest du, wo du hingucken musst?", fragte sie.
Stefanie überlegte.
„Ich habe gar nicht gewusst, wo", sagte sie. „Ich habe mich nur einmal ganz langsam gedreht. Das mache ich immer, bevor ich tanze."
Rosa lachte.
Seitdem hängt in ihrer Backstube ein kleiner Zettel neben der Tür. Da steht kein Rezept drauf.
Da steht: Erst einmal langsam umdrehen.
Greta Gurke hat es sich ganz unten auf ihre Liste geschrieben. Da stand schon etwas Ähnliches.
Und wenn Rosa etwas nicht findet, dann stellt sie sich in die Mitte ihrer Backstube und dreht sich einmal im Kreis.
Es hilft ganz oft.
Nur einmal nicht. Da drehte sie sich dreimal im Kreis und fand trotzdem nichts.
Arvid hatte den Kuchen schon gegessen.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu