Ben und der Winterduft
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreBen Basilikum roch an seiner Hand.
Dann roch er noch einmal.
Dann setzte er sich auf den kalten Boden und schaute sein Beet an.
Den ganzen Sommer war hier sein Basilikum gewachsen. Dicht und dunkelgrün. Es duftete so stark, dass man es schon am Gartentor roch.
Jetzt war da nur braune Erde. Ein paar schwarze Stängel lagen darauf.
Der erste Frost hatte alles geholt.
Ben hielt die Finger an die Nase.
Nichts. Gar nichts.
Ben Basilikum ist der Kräuter-Gärtner von Gemüseland. Nicht der Meister, das ist Otto. Ben ist elf. Er zieht die Kräuter für die Küche: Petersilie, Schnittlauch, Basilikum.
Und er riecht gern. Das macht er am allerliebsten.
Im Frühling riecht die Erde nach Regen. Im Sommer riecht sein Beet nach Basilikum, so sehr, dass Rosa aus der Backstube manchmal ruft: „Ben! Nicht so viel auf einmal!"
Und jetzt roch überhaupt nichts mehr.
„Ist doch nur bis zum Frühling", sagte Bella Brokkoli, als sie vorbeikam.
„Das sind vier Monate", sagte Ben.
Bella rechnete kurz nach.
„Stimmt", sagte sie. „Das ist lang."
An diesem Nachmittag kam Bruno Blumenkohl mit dem Handwagen vorbei.
Bruno ist Gemüsebauer und zweiundvierzig Ernten alt. Er ist groß und breit und hat einen weißen, fluffigen Kopf mit grünem Blattkragen. Er redet nicht viel.
Er blieb am Zaun stehen und schaute erst das leere Beet an, dann Ben.
„Du sitzt da schon eine Weile", sagte er.
„Es riecht nach nichts mehr", sagte Ben.
Bruno dachte darüber nach. Bruno denkt immer in Ruhe.
„Doch", sagte er dann. „Nur woanders."
Ben schaute hoch.
„Ich fahre morgen zum Wald", sagte Bruno. „Willst du mit?"
Sie gingen früh los. Der Handwagen ratterte über den gefrorenen Weg.
Emil Erbse kam ein Stück mit. Emil will immer wissen, wo jemand hinfährt.
Am Bach blieb er stehen und schnupperte.
„Hier riecht es anders als bei uns", sagte er. „Nach kaltem Wasser."
Ben blieb auch stehen.
„Wirklich?"
„Riech doch selbst."
Ben roch. Und Emil hatte recht.
Dann drehte Emil um und winkte.
Dann waren sie allein auf dem Feldweg.
Es war kalt. Man konnte ihren Atem sehen. Wie kleine weiße Wolken. Über den Reihen lagen Laub und umgedrehte Kisten. Das ist das Winterbett. Sie hatten es im November gebaut, damit der Frost den kleinen Pflanzen nichts tut.
„Hält es?", fragte Ben.
„Hält", sagte Bruno.
Am Waldrand blieb Bruno stehen.
„So", sagte er. „Jetzt Augen zu."
„Was?"
„Augen zu. Und einatmen. Durch die Nase."
Ben fand das albern. Aber er machte die Augen zu.
Er atmete ein.
Und dann machte er die Augen wieder auf, ganz schnell.
„Da IST was!"
„Na also", sagte Bruno.
Beim ersten Versuch fand er allerdings gar nichts.
Er lief zu einem Baum und roch an der Rinde. Nichts. Er roch an einem kahlen Ast. Nichts. Er roch an einem Stein, was ziemlich albern war.
„Es riecht doch nicht!", rief er.
„Du suchst falsch", sagte Bruno. „Du gehst hin und riechst. Du musst erst stehen bleiben."
„Und dann?"
„Und dann kommt es zu dir."
Ben blieb stehen. Er stand ziemlich lange da. Und er fühlte sich ziemlich komisch dabei.
Und dann kam es.
Ben lief los wie ein Hund, der eine Spur hat.
Er hielt die Nase an einen Tannenzweig. Der roch scharf und frisch und ein bisschen nach Zitrone.
Er roch an einem Wacholderbusch. Der roch ganz anders. Dunkel und stark, fast wie Ottos Küche.
Er roch an einem Stück Moos. Das roch nach nasser Erde und nach kalt.
Er kniete sich hin und schob das Laub zur Seite. Darunter lagen kleine dunkelgrüne Blätter. Sie sahen aus wie kleine Herzen.
„Darf ich?", fragte Ben.
„Das darfst du", sagte Bruno. „Aber immer erst fragen. Im Wald wächst auch, was man nicht anfassen soll. Und in den Mund kommt gar nichts."
Ben zupfte ein Blatt ab und rieb es zwischen den Fingern.
Er machte die Augen zu.
„Bruno", sagte er ganz leise. „Das riecht wie Pfefferminze. Nur kleiner."
„Wintergrün", sagte Bruno. „Wächst unter dem Laub. Das ganze Jahr."
„Und das weiß keiner?"
„Doch." Bruno stellte den Handwagen ab. „Die, die im Winter rausgehen."
Sie sammelten den ganzen Vormittag.
Tannenzweige. Wacholder. Moos. Die kleinen Herzblätter. Ein paar Zapfen, die nach Wald rochen. Stücke von Rinde.
Der Handwagen wurde voll.
Auf dem Rückweg fror Ben an den Ohren und merkte es nicht.
„Bruno", sagte er. „Warum wusste ich das nicht?"
„Weil du im Winter nie rausgegangen bist", sagte Bruno. „Du hast auf den Frühling gewartet."
Zu Hause breitete Ben alles auf dem großen Tisch aus. Dann ging er schlafen und freute sich schon auf morgen.
Am Morgen lief er als Erstes zum Tisch.
Er hielt die Nase an die Tannenzweige. Nichts. Er hielt die Nase an das Moos. Nichts. Er nahm ein Herzblatt und rieb es zwischen den Fingern.
Fast nichts mehr.
Über Nacht war der Duft weg. Einfach weg, in der warmen Stube.
Ben setzte sich auf den Boden, genau wie an dem Tag am leeren Beet.
„Dann war alles umsonst", sagte er.
Bruno stand in der Tür und schaute den Tisch an.
„Nicht umsonst", sagte er. „Nur offen. Der Duft läuft weg, wenn du ihn nicht festhältst."
Ben schaute hoch.
Und dann wusste er, was er brauchte.
Rosa gab ihm leere Marmeladengläser aus der Backstube. In jedes Glas kam etwas anderes: Tannennadeln ins erste. Wacholder ins zweite. Die Herzblätter ins dritte. Moos ins vierte.
Auf jedes Glas malte er ein kleines Bild.
Dann stellte er die Gläser auf ein Brett und trug das Brett auf den Marktplatz.
„Was ist das denn?", fragte Arvid.
„Riechen", sagte Ben. „Mach die Augen zu."
Arvid machte die Augen zu. Ben hielt ihm ein Glas unter die Nase.
„Oh", machte Arvid. „Das ist WINTER."
„Das ist Wacholder", sagte Ben.
„Für mich riecht das nach Fest."
Bis zum Abend hatte das halbe Dorf an den Gläsern gerochen. Bella legte einen Zettel daneben. Da konnte jeder raten, was in den Gläsern ist. Und Emil machte für jede richtige Antwort einen Strich.
Bella erkannte drei von vier. Emil erkannte alle vier und war sehr stolz darauf. Rudi Rotkohl roch am Moos, machte die Augen zu und sagte lange nichts. Dann sagte er: „So hat es bei meinem Opa im Hof gerochen."
Und Lara Linse, die eine Ernte alt ist, roch an den Tannennadeln, patschte auf den Tisch und rief: „MEHR!"
Das Brett mit den Riech-Gläsern steht seitdem den ganzen Winter auf dem Marktplatz. Ben füllt sie jede Woche neu, damit sie frisch bleiben.
Im nächsten Winter, am ersten richtig kalten Morgen, stand Bruno Blumenkohl wieder mit seinem Handwagen am Gartentor.
Er sagte nichts. Er wartete nur.
Ben zog sich die Jacke an und kam heraus.
„Wacholder?", fragte er.
„Wacholder", sagte Bruno.
Und dann ratterte der Handwagen wieder über den gefrorenen Weg, zum Waldrand, wo man erst stehen bleiben muss.
Damit es zu einem kommt.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu