Wo sind die Schwalben hin?
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreEs war zu still.
Hanna Hirse stand vor Ottos Schuppen und wusste zuerst gar nicht, was fehlte. Irgendetwas war anders als sonst.
Dann merkte sie es.
Kein Zwitschern. Kein Sausen über den Kopf. Keine kleinen dunklen Pfeile, die über den Hof schossen.
Hanna blieb stehen und hörte ganz genau hin, so wie Benno es im Nebel gemacht hatte.
Nichts.
Die Schwalben waren weg.
Unter dem Dach von Ottos Schuppen kleben vier Nester aus getrockneter Erde. Sie sehen aus wie halbe Tassen. Da wohnen jedes Jahr die Schwalben.
Hanna Hirse ist die Enkelin von Otto Oregano. Sie ist schnell, sie klettert gern, und sie hat vier Brillen zum Wechseln. Heute trug sie die runde.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute nach oben.
Nest eins: leer.
Nest zwei: leer.
Nest drei: leer.
Nest vier: leer.
„Opa!", rief sie. „OPA!"
Otto Oregano kam mit einer Kanne aus dem Garten. Otto ist der Meister der Kräuter und hat einen kleinen Bauch und graue Haare und keine Eile.
„Sie sind weg", sagte Hanna. „Alle vier Nester."
„Ich weiß", sagte Otto.
„Du WEISST das?"
„Seit vorgestern", sagte Otto und goss weiter.
Hanna verstand nicht, wie er dabei so ruhig sein konnte.
„Und wenn ihnen was passiert ist?", fragte sie. „Die Katze vom Nachbarn ist gestern auf dem Dach gewesen. Ich hab sie gesehen."
„Die Katze kommt da nicht ran", sagte Otto. „Deshalb bauen sie ja so hoch."
„Und wenn doch?"
„Hanna."
„Und wenn es zu kalt für sie war? Es war heute Nacht richtig kalt, ich hab es gemerkt, als ich rausgegangen bin."
Otto stellte die Kanne ab. „Hanna. Sie sind weggeflogen. Sie kommen im Frühling wieder."
„Das sagst du nur so", sagte Hanna.
Also ging Hanna die Schwalben suchen. So ist Hanna eben.
Sie suchte den ganzen Tag.
Zuerst hinter dem Rathaus. Da sitzen sie manchmal auf dem Draht, alle nebeneinander wie Perlen auf einer Schnur.
Der Draht war leer.
Dann am Bach, wo die Mücken über dem Wasser tanzen. Da fliegen sie sonst ganz tief und schnappen die Mücken im Fliegen weg.
Über dem Wasser war nichts.
Dann kletterte sie auf den Zaun beim Maisfeld und hielt die Hand über die Augen und drehte sich einmal ganz herum.
Himmel. Nur Himmel.
Bella Brokkoli half ihr eine Runde lang. „Ich hab heute Morgen keine gesehen", sagte Bella. „Und ich gucke immer."
Emil Erbse machte natürlich eine Liste. „Zuletzt gesehen: Dienstag", sagte er. „Sieben Stück über dem Feld. Seitdem null."
„Null", wiederholte Hanna.
Sie nahm die runde Brille ab und putzte sie an ihrem Ärmel. Das macht sie immer, wenn sie etwas nicht versteht.
Am späten Nachmittag war sie zurück am Schuppen, müde und staubig, und hatte keine einzige Schwalbe gefunden.
Und dann sah sie es.
Unten an der Schuppenwand lag etwas Braunes. Es war zerbrochen.
Ein Nest.
Es war heruntergefallen und in drei Stücke zerbrochen. Daneben lagen ein bisschen trockenes Gras und eine kleine graue Feder.
Hanna setzte sich davor auf die Erde und rührte sich lange nicht.
Ihre Augen wurden heiß. Sie wollte nicht weinen, schon gar nicht wegen Vögeln, aber es half nichts.
„Siehst du", flüsterte sie. „Es ist doch was passiert."
Otto kam und setzte sich neben sie. Das dauerte ein bisschen, weil sich Otto nicht mehr so schnell hinsetzt.
Er sagte erst mal nichts. Er hob nur eines der Stücke auf und drehte es in der Hand.
„Guck es dir mal genau an", sagte Otto. „Und dann guck nach oben."
Hanna drehte das Stück in der Hand. Es war grau und bröselig und roch nach altem Staub.
Dann schaute sie nach oben zu den vier Nestern.
Und da sah sie es.
„Das oberste ist ganz hell", sagte sie langsam. „Das ist viel heller als die anderen. Das ist neu."
„Das ist neu", sagte Otto.
„Sie haben sich ein neues gebaut. Weil das alte kaputtgegangen ist." Hanna schaute wieder auf das Stück in ihrer Hand. „Das hier ist gar nicht heruntergefallen, weil etwas passiert ist. Das ist einfach alt."
„Nester sind aus Erde", sagte Otto. „Und Erde hält nicht ewig."
„Und die Feder?"
„Federn verlieren sie beim Fliegen. Jeden Tag."
Hanna schluckte. „Aber sicher wissen kannst du es auch nicht."
Otto schaute sie an. Und dann stand er auf.
„Doch", sagte er. „Komm mit."
Im Schuppen ist es dunkel und riecht nach Holz und getrockneten Kräutern.
Otto nahm die Lampe und leuchtete an den großen Balken über der Tür.
Hanna machte den Mund auf.
Der ganze Balken war voll mit Strichen. Kleine Striche im Holz, mit einem Messer hineingemacht. Immer zwei nebeneinander, dann eine Lücke, dann wieder zwei.
„Was ist das?", flüsterte Hanna.
„Das sind die Schwalben", sagte Otto. „Der erste Strich ist der Tag, an dem sie wegfliegen. Der zweite ist der Tag, an dem sie wiederkommen. Immer im Frühling."
Er fuhr mit dem Finger über das Holz, ganz nach links.
„Den hier hat mein Opa gemacht."
Hanna zählte. Sie zählte lange, weil es so viele waren. Erst mit dem Finger, dann noch einmal von vorn, weil sie sich verzählt hatte.
Es waren einundsechzig Paare.
Einundsechzigmal weg. Einundsechzigmal wieder da.
„Warum hast du mir das nie gezeigt?", fragte Hanna.
Otto kratzte sich am Kopf.
„Weil ich immer nur gesagt habe: Sie kommen wieder", sagte er. „Sagen ist einfach. Das kann jeder. Ich hätte es dir zeigen sollen."
Er gab ihr das Messer.
„Der von diesem Jahr fehlt noch. Vorgestern sind sie los."
Hanna nahm das Messer.
„Immer vom Körper weg", sagte Otto. „So wie beim Kürbisschnitzen."
Er stellte einen Hocker hin, damit sie sich nicht strecken musste. Er hielt die Lampe und legte seine große Hand über ihre kleine. Zusammen machten sie einen kurzen Strich in das Holz, neben die einundsechzig anderen.
Er war ein bisschen krumm.
„Der ist schief", sagte Hanna.
„Meiner von damals auch", sagte Otto und leuchtete auf einen Strich weit links, der aussah wie ein müder Wurm. „Ich war neun."
Draußen wurde es dunkel. Sie setzten sich vor den Schuppen auf die Bank, und Otto legte eine Decke über Hannas Knie.
„Wo sind sie denn jetzt gerade?", fragte Hanna.
„Weit weg", sagte Otto. „Wo es noch warm ist. Sie fliegen die ganze Zeit."
„Auch nachts?"
„Auch nachts."
Hanna schaute in den dunklen Himmel und stellte sich sieben kleine Punkte vor, die dort oben unterwegs waren.
„Und der zweite Strich?", fragte sie.
„Den machst du", sagte Otto. „Im Frühling. Du wirst es merken, bevor ich es merke. Es wird nämlich plötzlich wieder laut."
Hanna nickte langsam.
Es war immer noch zu still auf dem Hof.
Aber jetzt war es eine andere Stille. Es war die Stille von jemandem, der nicht weg ist, sondern nur unterwegs.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu