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Eine Stunde mehr

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre
🎧 Vorlesen lassen Gelesen von einer KI-Stimme

Emil Erbse wachte auf und schaute auf seinen Wecker.

Acht Uhr.

„Acht!", rief Emil und sprang aus dem Bett. „Um acht macht der Markt auf! Ich bin zu spät!"

Emil ist nie zu spät. Nie.

Er zog sich an, setzte die rote Kappe auf und rannte los. Über die Brücke, um den Brunnen, auf den Marktplatz.

Und dann blieb er stehen.

Auf dem Marktplatz war niemand. Kein Stand. Kein Korb. Kein einziger Apfel.

Nur ein paar gelbe Blätter flogen über den Platz.

Da kam Christel Chicoree um die Ecke. Sie hatte Handtücher unter dem Arm und eine Pfeife um den Hals. Christel ist Schwimmlehrerin.

„Emil! Was machst du denn schon hier?"

„Ich warte", sagte Emil. „Auf alle. Die sind alle zu spät. Es ist acht."

„Es ist sieben", sagte Christel.

„Acht", sagte Emil.

Christel hielt ihre Uhr hoch. Emil hielt seine Uhr hoch.

Bei Christel war es sieben. Bei Emil war es acht.

„Kaputt", sagten beide gleichzeitig. Und jeder zeigte auf die Uhr vom anderen.

„Na, egal", sagte Christel. „Um neun ist das letzte Schwimmen des Jahres. Danach mache ich den Teich zu, bis es wieder warm wird. Kommst du?"

Da kam Ida Ingwer über den Platz. Sie hatte ihre Badetasche dabei.

„Emil", fragte Ida. „Wie spät ist es?"

Emil musste nicht mal auf die Uhr gucken.

„Es ist acht", sagte er. „Ganz sicher. Gleich ist Schwimmen. Lauf schon mal vor, Ida!"

Ida fragt sonst immer nach. Immer. So lange, bis sie etwas wirklich versteht.

Aber diesmal fragte sie nicht. Emil weiß so was doch.

Also lief Ida los. Zum Teich.

Christel wollte noch etwas rufen, aber da war Ida schon um die Ecke.

Kurz danach kam Bella Brokkoli auf den Platz. Sie gähnte.

„Warum seid ihr denn so früh wach?", fragte sie.

„Wir sind nicht früh", sagte Emil. „Alle anderen sind spät."

Bella guckte auf Christels Uhr. Dann guckte sie auf Emils Uhr.

Dann guckte sie Emil an.

„Emil", fragte sie. „Wer hat deine Uhr heute Nacht zurückgedreht?"

„Keiner", sagte Emil. „Warum soll die einer zurückdrehen?"

„Weil heute Nacht alle Uhren zurückgedreht werden", sagte Bella. „Einmal im Jahr, im Herbst. Dann schenkt einem die Nacht eine Stunde. Man darf eine Stunde länger schlafen."

Christel nickte. „Meine hab ich gestern Abend gedreht."

Emil sagte nichts. Er guckte auf seine Uhr. Acht.

Und dann rechnete er ganz langsam. „Dann ist es gar nicht acht", sagte er. „Dann ist es sieben."

„Sieben", sagte Christel.

„Dann ist das Schwimmen erst in zwei Stunden", sagte Emil.

Er wurde ganz starr.

„Wo ist Ida?"

Emil rannte los. So schnell wie heute früh. Nur diesmal in die andere Richtung.

Bella und Christel liefen hinterher.

Ida saß ganz allein am Teich, auf der obersten Stufe der Holztreppe. Die Badetasche hatte sie auf den Knien. Der Teich lag grau und still da. Es war kalt.

Ida hatte gewartet und gewartet.

Bella zog ihre Jacke aus und legte sie Ida um die Schultern.

„Ich dachte, ich bin zu früh", sagte Ida. Ihre Zähne klapperten ein bisschen. „Aber ich bin nicht ins Wasser gegangen. Allein geht man nicht ans Wasser. Das weiß ich."

„Gut", sagte Christel und wickelte sie in zwei Handtücher. „Das war das Wichtigste."

Emil stand oben an der Treppe und rührte sich nicht.

„Das war ich", sagte er leise. „Ich hab nicht gesagt: Meine Uhr sagt acht. Ich hab gesagt: Es ist acht. Und darum bist du losgelaufen."

Er setzte sich auf die kalte Stufe.

„Bist du sauer?", fragte er.

„Ein bisschen", sagte Ida. „Ich hätte auch fragen können. Ich frag doch sonst immer."

„Warum hast du nicht?"

Ida zuckte mit den Schultern. „Weil du es warst."

Emil guckte auf seine Schuhe. Das war das Schlimmste, was er heute gehört hatte.

Bella setzte sich auf die andere Seite neben ihn. „Deine Uhr weiß gar nichts", sagte sie. „Eine Uhr sagt nur, was man ihr sagt."

Um neun kamen alle Kinder an den Teich. Mit Handtüchern und Badetaschen. Es war kalt, und alle kreischten.

Christel pfiff dreimal. Dann durften sie rein.

Ida sprang als Erste. Und gleich danach Emil, und Emil geht sonst fast nie ins Wasser.

PLATSCH!

„Huuuh, ist das kalt!", rief Emil. Und dann lachte er so laut, dass Ida mitlachen musste.

Danach saßen alle auf der Treppe, in Handtücher gewickelt, und Christel spannte die Leine über den Teich. Jetzt war er zu. Bis zum Frühling.

„Nächstes Jahr", sagte Christel, „läutet am Abend vorher jemand dreimal die Glocke. Damit alle wissen: Heute Nacht die Uhren zurückdrehen. Wer macht das?"

„Ich", sagte Emil sofort.

Ida stupste ihn an.

„Emil", fragte sie. „Wie spät ist es?"

Emil guckte auf seine Uhr. Diesmal hatte er sie richtig gedreht.

„Zehn", sagte er. Dann grinste er.

„Sagt meine Uhr."

Ende

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