Was übrig bleibt
Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre„Und das kann man jetzt alles wegwerfen", sagte Rudi Rotkohl.
Am Morgen nach der Kürbis-Nacht sah der Marktplatz traurig aus.
Auf der Rathaustreppe standen noch die Laternen. Aber die Kerzen waren aus, und über Nacht hatte es geregnet. Die geschnitzten Gesichter hingen schief. Eins war zusammengefallen wie ein alter Ballon.
Rudi stand davor und schaute sie an.
Er nahm eine Laterne hoch. Der Deckel rutschte ab und fiel ihm auf den Fuß. Rudi ließ ihn liegen.
Mehr sagte er nicht. Rudi ist der Kürbisbauer. Diese Kürbisse hat er gezogen, jeden einzelnen, den ganzen Sommer lang.
Rosa Rosenkohl kam mit ihrem Schubkarren über den Platz.
Rosa backt. Sie hat Mehl auf den Wangen, auch wenn sie gar nicht gebacken hat, und sie steht früher auf als alle anderen.
„Wegwerfen?", fragte sie.
„Wegwerfen", sagte Rudi.
„Alles?"
Rudi hob eine Laterne hoch. Innen war sie weich und nass. „Guck sie dir an."
Rosa guckte sie sich an. Dann drehte sie sie um und roch daran.
„Der ist nicht schlecht", sagte sie. „Der ist nur weich."
„Und was macht man mit weich?"
„Suppe", sagte Rosa.
Sie luden alles auf. Vierzehn Laternen, zwei Eimer Kerne und ein ganzer Berg von dem weichen Zeug aus den Kürbissen. Das hatten die Kinder beim Schnitzen herausgekratzt.
Bella Brokkoli und Emil Erbse schoben mit, weil der Karren viel zu voll war.
„Vierzehn", sagte Emil und schrieb es auf. „Wenn eine Laterne für vier Teller reicht, sind das sechsundfünfzig Teller Suppe."
„So viele Leute wohnen hier gar nicht", sagte Bella.
„Dann essen alle zweimal", sagte Emil.
In Rosas Backstube war es warm. Der große Backofen in der Wand brannte seit fünf Uhr morgens.
Rosa schnitt. Rudi schälte. Und Jakob Jalapeño saß auf der Bank und probierte, denn probieren ist das, was er am liebsten macht.
„Erst probieren, dann reden", sagte er. Das ist sein Satz.
Der große Topf wurde voll.
Nach einer Stunde bekam Jakob den ersten Löffel.
Er probiert alles, und er sagt fast nie etwas Schlechtes über Essen.
Diesmal sagte er gar nichts.
„Sag doch was", sagte Rosa.
„Ich will nicht", sagte er.
„Jakob."
„Es schmeckt nach nichts. Tut mir leid. Es schmeckt einfach nach gar nichts."
Rosa probierte selbst. Dann Rudi. Er hatte recht.
Die Suppe war dünn wie Wasser und ein bisschen grau, und wenn man den Löffel hineinsteckte, passierte gar nichts Schönes.
„Salz", sagte Rosa.
Sie taten Salz hinein.
Jetzt schmeckte sie nach nichts und nach Salz.
„Mehr Salz?", fragte Rudi.
„Nein", sagte Rosa. „Mehr Salz ist nie die Antwort."
Rosa versuchte es noch einmal, mit dem zweiten Topf.
Sie kochte ihn länger. Da wurde er grauer.
Sie kochte den nächsten kürzer. Da blieb er hart.
Sie tat Zwiebeln dazu. Da schmeckte es nach Zwiebeln und sonst nach nichts.
Beim vierten Topf kam Bella herein, probierte, sagte „mmh" und schluckte tapfer. Dann sagte sie ehrlich: „Nein."
Und dann noch einer. Und noch einer. Und noch einer.
Es half alles nichts.
Am Nachmittag standen elf Töpfe in der Backstube und in keinem war etwas, das man jemandem hinstellen wollte.
Rosa setzte sich auf den Mehlsack und ließ die Arme hängen. Ihre Schürze war voll mit orangen Flecken, und in ihren Haaren steckte ein Stück Kürbisschale.
„Ich hab es kaputt gemacht", sagte sie. „Jetzt sind sie erst weich geworden und dann hab ich sie auch noch zu lange gekocht."
Rudi stand am Fenster und sagte nichts.
Draußen wurde es schon dunkel. Anfang November wird es früh dunkel.
Dann drehte Rudi sich um.
„Weißt du was?", sagte er. „Kürbis ist gar keine Suppe."
Rosa schaute hoch. „Wie bitte?"
„Kürbis war noch nie Suppe", sagte Rudi. „Kürbis ist Ofen. Meine Oma hat den nie gekocht. Die hat ihn immer gebacken. Im Wasser wird er dünn wie Wasser. Im Ofen wird er süß."
Rosa stand ganz langsam auf.
Hinter ihr, in der Wand, war das größte Ding der ganzen Backstube: der Backofen. Groß wie eine Höhle. Und er war seit fünf Uhr morgens an.
„Rudi", sagte Rosa. „Ich bin eine Bäckerin. Und ich habe den ganzen Tag gekocht."
Jetzt ging alles schnell.
Sie schütteten die Töpfe aus. Sie schnitten alles, was noch nicht gekocht war, in dicke Stücke und legten es auf die Bleche. Öl darüber. Salz. Und von Otto Oregano ein paar Zweige, die er sofort brachte, als er hörte, worum es ging.
Bella schob die Bleche in den Ofen. Emil stellte sich davor und schaute auf die Uhr.
„Wie lange?", fragte er.
„Bis es riecht", sagte Rudi. „So hat meine Oma das gesagt. Der Ofen sagt dir Bescheid."
Emil machte den Mund auf, um zu sagen, dass das keine richtige Zeit ist. Dann machte er ihn wieder zu und wartete einfach.
Nach zwanzig Minuten roch es.
Es roch so, dass man es nicht beschreiben kann. Süß und dunkel und ein bisschen nach Rauch.
Es zog aus dem Schornstein von Rosas Backstube über den ganzen Marktplatz.
Als Erstes kam Arvid. Dann Frida und Till. Dann Hanna mit ihrer Oma Christel. Dann kamen einfach alle, jeder mit einem Teller. So etwas wissen in Gemüseland nach fünf Minuten alle.
„Ich habe nichts vorbereitet", sagte Rosa erschrocken. „Ich habe keine Tische, ich habe kein —"
„Guck erst mal", sagte Rudi.
Rosa guckte.
Die Leute brachten selbst etwas mit. Otto brachte Brot. Christel brachte Becher. Ida hatte eine Kanne Tee dabei, und Greta hatte sogar eine Decke und einen Klapptisch.
Da wusste Rosa, was zu tun war.
Sie machte es so, wie Ida es bei der Apfelernte gemacht hatte: erst gucken. Bei jedem Einzelnen guckte sie, was er in den Händen hielt. Und dann gab sie jedem eine Aufgabe, die genau dazu passte.
Otto schnitt das Brot. Christel verteilte die Becher. Greta baute den Tisch auf und schrieb eine Liste, wer noch keinen Teller hatte. Und Arvid durfte tragen, weil Arvid am schnellsten ist — aber nur die Sachen, die nicht kaputtgehen können.
Sie aßen draußen auf den Stufen, weil die Backstube viel zu klein war.
Jakob bekam wieder den ersten Löffel. Alle guckten ihn an.
Er kaute lange. Dann machte er die Augen zu.
„Jetzt", sagte er, „darf ich reden."
Der Kürbis aus dem Ofen war süß und weich und an den Ecken ein bisschen knusprig. Und die Kerne, die Rosa nebenbei mit in den Ofen gelegt hatte, knackten zwischen den Zähnen. Die waren am Ende zuerst alle.
Rudi saß auf der obersten Stufe, mit einem Teller auf den Knien, und schaute auf den Platz.
Vorne standen noch die alten Laternen. Sie waren immer noch schief und immer noch nass.
„Sie sind ja nicht weg", sagte er zu sich selbst. „Sie sind nur was anderes geworden."
Rosa hörte es und setzte sich neben ihn.
„Weißt du, was ich heute gelernt habe?", sagte sie.
„Dass Kürbis in den Ofen gehört?"
„Genau das", sagte Rosa. „Ich habe den ganzen Tag mein Rezept gefragt. Ich hätte den Kürbis fragen müssen."
Rudi lachte leise. „So kann man das auch sagen."
„Und deinen Satz nehme ich mit", sagte Rosa. „Was übrig ist, ist noch lange nicht weg."
Von unten rief Emil herauf: „Ich habe mitgezählt! Es hat für neunundfünfzig Teller gereicht! Drei mehr, als ich ausgerechnet hatte!"
„Und für wie viele Kerne?", rief Arvid.
Es wurde kurz still.
„Das", sagte Emil ganz langsam und wichtig, „messe ich morgen."
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu