Der halbe Schal
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreKalle Kürbis' Schal ist drei Meter lang.
Das ist kein Spaß. Seine Oma hat ihn gestrickt, und sie hat einfach nicht aufgehört. Grün, blau, grün, blau, immer weiter, den ganzen letzten Winter lang.
Wenn Kalle ihn umhat, wickelt er ihn viermal um den Hals. Und dann hängt er hinten immer noch bis zu den Knien.
„Du siehst aus wie ein Wollberg", sagt der Bademeister immer.
„Ich bin aber ein warmer Wollberg", sagte Kalle.
Es war der elfte November, und am elften November wird in Gemüseland gelaufen.
Abends geht das ganze Dorf mit Laternen einmal um die Felder.
Vorneweg geht immer der Bademeister, Willi Wirsing, der große Wirsingkohl mit der roten Jacke. Er geht vorneweg, weil ihn auch von ganz hinten noch jeder hört.
„ANTRETEN!", rief er um sechs.
Es war noch kein Frost, aber kalt genug für Handschuhe, und der Wind kam quer über die Felder. In jedem Laternendeckel war oben ein Loch, seit Matti das mit der Luft herausgefunden hatte.
Kalle stellte sich in die Reihe, viermal Schal um den Hals.
Und dann sah er sie.
Ganz hinten stand Stefanie Spargel.
Stefanie ist sieben und tanzt. Sie ist dünn wie ein Spargel, weil sie einer ist. Sie hatte an: ein Kleid zum Drehen, eine dünne Jacke, keine Mütze.
Über dem Kleid war sie schön. Unter dem Kleid war sie eiskalt.
Sie zitterte. Nicht ein bisschen. Richtig.
Kalle schaute weg. Dann schaute er wieder hin.
Er kannte Stefanie. Aber geredet hatten sie noch nie miteinander, nicht ein einziges Mal.
Kalle ist Angler. Kalle kann stundenlang stillsitzen und gucken. Aber losgehen und einfach etwas sagen, das ist etwas ganz anderes.
Alle liefen los.
Kalle lief mit und überlegte.
Dann tat er es doch.
„Willst du meinen Schal?", fragte er.
„Nein danke", sagte Stefanie.
„Der ist drei Meter."
„Mir ist nicht kalt."
Und weil sie das sagte, während ihre Zähne klapperten, wusste Kalle sofort, dass es nicht stimmte. Aber jetzt konnte er schlecht noch mal fragen.
Also versuchte er es anders.
„Komm doch in die Mitte", sagte er. „Da ist es wärmer. Da sind so viele Leute."
Stefanie schüttelte den Kopf.
„Ich stolpere in der Mitte", sagte sie. „Da laufen alle anders schnell."
Sie blieb, wo sie war. Ganz hinten, wo der Wind über die Felder kam.
Kalle lief neben ihr her und wusste nicht mehr weiter.
Vorne sang der Bademeister das Lied vom Licht im Fenster, und alle sangen mit.
Ganz hinten sang Stefanie nicht. Sie hatte die Schultern hochgezogen bis zu den Ohren, und ihre Laterne wackelte, weil ihre Hand zitterte.
Kalle blieb stehen.
„Willi!", rief er nach vorne. „Hast du eine Schere?"
Der Bademeister kam den halben Zug zurück. „Wozu?"
„Für meinen Schal."
Willi schaute den Schal an. Dann schaute er nach hinten zu Stefanie. Dann schaute er wieder Kalle an.
„Bist du sicher?", fragte er. „Den kriegst du nicht wieder zusammen."
„Nein", sagte Kalle. „Ich bin nicht sicher."
„Und?"
Kalle schluckte. „Trotzdem."
Willi holte seine Schere heraus. „Hände weg", sagte er, und er wartete, bis Kalle die Hände hinter den Rücken tat.
Dann schnitt er.
Es machte ein leises, hässliches Geräusch. Grün, blau, grün — und dann waren es zwei Schals.
Kalle ging nach hinten.
Vier Schritte vor Stefanie wurde ihm heiß im Gesicht, obwohl es so kalt war. Er hatte sich unterwegs drei Sätze überlegt, und alle drei waren weg.
„Hier", sagte er und hielt ihr das halbe Ding hin.
Sie schaute ihn an. Sie schaute auf den Schal. Unten hingen lauter kleine Fäden heraus, weil man Wolle nicht gerade schneiden kann.
„Der ist kaputt", sagte sie.
„Der ist halb", sagte Kalle. „Die andere Hälfte hab ich."
Er drehte sich um und zeigte auf seinen Hals. Da hing der Rest, jetzt nur noch zweimal herumgewickelt und viel zu kurz.
Diesmal sagte Stefanie nicht Nein.
Sie band ihn dreimal um und einmal über die Ohren, weil er für sie natürlich noch lang genug war.
„Danke", sagte sie. Es kam ganz leise heraus.
„Ist ja nur Wolle", sagte Kalle.
Und jetzt kommt das, was Kalle nicht gedacht hatte.
Ihm war kalt.
Nicht schlimm. Aber der Hals war frei, wo vorher vier Lagen Wolle waren, und der Wind ging genau da rein.
Er hatte gedacht: Ich gebe ihr die Hälfte, dann ist alles gut.
Aber jetzt froren zwei ein bisschen — statt einer ganz.
Eine Weile fand er das falsch. So hatte er sich das nicht vorgestellt.
Dann schaute er zur Seite.
Stefanie sang mit.
Willi ließ sich zurückfallen und ging ein Stück neben ihnen her.
Er nahm seine dicke rote Wollmütze ab und setzte sie Stefanie auf, ohne zu fragen.
„Mütze auf", sagte er. „Sonst drehe ich mit dem ganzen Zug um."
„Ich hab doch jetzt den Schal", sagte Stefanie.
„Und jetzt hast du auch eine Mütze", sagte er. „Ich hab da oben sowieso nur Kohl."
Dann schaute er Kalle an.
„Kalt?"
„Ein bisschen", sagte Kalle.
Willi machte seine große rote Jacke auf, holte etwas heraus und legte es Kalle über die Schultern. Es war sein alter Beutel, in dem er immer sein Zeug hat, und er roch ein bisschen nach Schwimmbad.
„Nicht schön", sagte er. „Aber warm."
Kalle lachte.
„Weißt du", sagte Willi, „ganz warm und allein ist nicht so gut wie halb warm und zu zweit."
„Das reimt sich nicht mal", sagte Kalle.
„Nein", sagte er. „Aber es stimmt."
Am Ende des Weges standen Bella Brokkoli und Emil Erbse mit einem Topf heißem Apfelsaft und gaben Becher aus.
Emil schaute auf Kalles Hals und dann auf Stefanies Hals und rechnete kurz.
„Das war mal ein Schal", sagte er.
„Das sind jetzt zwei", sagte Bella.
Stefanie wollte den halben Schal am Ende des Abends zurückgeben.
Kalle gab ihn ihr wieder.
„Behalt ihn", sagte er. „Meine Oma strickt sowieso schon den nächsten. Der wird bestimmt vier Meter."
Stefanie band ihn wieder um. Dann drehte sie sich einmal auf einem Fuß, weil sie das immer macht, wenn sie sich freut, und der lange Rest flog hinterher.
„Der ist gut zum Tanzen", sagte sie.
Und so ist es in Gemüseland seitdem: Am elften November bringt jeder etwas mit, das er selbst gerade gut gebrauchen könnte. Und gibt es weg.
Nicht das, was übrig ist.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu