← Alle Geschichten
🎂

Der stille Tag

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

„Einen ganzen Tag?", rief Frida Fenchel. „OHNE REDEN?"

„Nicht ohne Reden", sagte Niki Nuss ruhig. „Ohne Lärm."

„Das ist doch dasselbe!"

„Nein", sagte Niki und lächelte.

Es war ein grauer Novembermorgen. Auf dem Marktplatz standen etwa zwanzig Leute um Niki herum, und Niki hatte gerade den stillen Tag erklärt.

Niki gab jedem eine kleine Karte aus Papier.

„Wenn ihr etwas Wichtiges braucht, zeigt die Karte", sagte sie. „Ansonsten: kein Rufen. Kein Rennen. Und keine Fragen."

„Und wenn was passiert?", rief jemand.

„Dann ruft ihr natürlich", sagte sie. „Ein stiller Tag ist kein Tag, an dem man nicht um Hilfe ruft."

Und zwei von den zwanzig fanden das ganz besonders schwer.

Frida Fenchel ist die Schnellste.

Frida rennt zum Bäcker, statt zu gehen. Frida macht Türen mit dem Fuß auf. Frida redet und läuft gleichzeitig, und wenn sie eine Idee hat, ruft sie sie sofort.

Und Ida Ingwer ist die, die fragt.

Ida fragt so lange, bis sie etwas wirklich versteht. Wie tief ist der Teich. Warum werden Blätter braun. Wie weiß Otto, dass Frost kommt. Ida hat an manchen Tagen mehr Fragen als das ganze Dorf zusammen.

„Und wieso überhaupt?", rief Frida.

Sie lächelte. „Das", sagte sie, „findest du heute Abend selber raus."

Frida und Ida schauten sich an.

Es war erst neun Uhr morgens.

Um zwanzig nach neun hielt Frida es nicht mehr aus.

Sie stand am Gartentor und wippte auf den Zehen. Sie machte drei Schritte. Sie kam zurück. Sie machte fünf Schritte.

Dann rannte sie einmal um das ganze Haus, weil sie musste.

Es half für ungefähr eine halbe Minute.

Dann rannte sie noch einmal, und diesmal machte sie beim Umdrehen ein Geräusch mit den Schuhen, weil das schön quietscht.

Beim dritten Mal sah Bella Brokkoli sie.

Bella sagte nichts. Sie zeigte nur auf die Bank neben der Tür und klopfte einmal darauf.

Frida setzte sich. Bella setzte sich daneben.

Es war furchtbar.

Sie wippte mit dem Fuß. Sie zählte die Bretter am Zaun. Dann kam sie durcheinander und musste noch mal von vorn anfangen. Sie machte die Augen zu und wieder auf.

Bella saß einfach daneben und rührte sich nicht. Nach einer Weile hörte Frida auf zu wippen, ohne dass es ihr jemand gesagt hatte.

Es war immer noch nicht mal zehn Uhr.

Ida hielt es länger aus. Bis halb elf.

Dann sah sie Fridolin Frühlingszwiebel mit einer Schubkarre voll Laub über den Weg gehen, und sie wollte SO GERN wissen, wohin das Laub kommt.

Sie machte den Mund auf.

Sie machte ihn wieder zu.

Sie machte ihn noch mal auf.

Emil Erbse, der neben ihr saß, hielt ihr ohne ein Wort seinen Zettel und den Stift hin.

Ida schrieb: Wohin kommt das Laub?

Emil las es. Emil zuckte mit den Schultern.

Emil wusste es nicht.

Und da passierte etwas.

Weil Ida nicht fragen konnte, tat sie das Einzige, was übrig war.

Sie ging hinterher und guckte.

Sie sah, wie Fridolin das Laub an der Hecke ablud. Sie sah, wie er es mit der Hand auseinanderzog, statt es festzudrücken. Sie sah, dass er unten eine Lücke ließ, so groß wie eine Faust.

Und sie sah, dass er dabei ganz leise war und sich einmal umschaute, bevor er ging.

Ida verstand es nicht sofort.

Zweimal machte sie den Mund auf, um Fridolin hinterherzurufen. Zweimal fasste sie stattdessen ihre Karte an und ließ es.

Aber sie merkte sich alles. Jede einzelne Sache.

Am Nachmittag saßen Frida und Ida nebeneinander auf der Bank, weil man das an einem stillen Tag eben tut.

Frida hielt es aus. Fast.

Und dann hörte sie es.

Ein Rascheln. Ganz leise. Aus dem Laubhaufen an der Hecke.

Frida sprang auf.

Sie machte drei schnelle Schritte hin und rief: „DA IST WAS DRIN!"

Und dann war es still.

Nicht die schöne Stille. Die andere.

Der Laubhaufen rührte sich nicht mehr. Nichts raschelte. Nichts pustete. Gar nichts.

Frida stand davor und wurde ganz rot.

„Ich hab es weggemacht", sagte sie.

Ida zog sie am Ärmel zurück zur Bank. Bella legte ihr von der anderen Seite die Hand auf die Schulter.

Ida zeigte auf ihre Ohren.

Und dann machten sie das, was Benno im Nebel gemacht hat: Sie blieben sitzen und hörten ganz genau hin.

Sehr lange.

So lange, dass Frida dachte, es kommt nie wieder. Ihr Bein fing an zu zappeln. Ida legte ihr die Hand aufs Knie.

Und dann raschelte es wieder.

Dann kam ein kleines Pusten. Ein bisschen wie eine winzige Nähmaschine.

Dann war es still.

Dann raschelte es an einer anderen Stelle, weiter links.

Frida machte ganz große Augen und zeigte ganz leise mit dem Finger: da!

Und dann schob sich zwischen zwei Blättern eine kleine spitze Nase heraus. Braun. Nass. Mit zwei winzigen schwarzen Augen darüber.

Pieks.

Er sah viel kleiner aus als im Oktober. Er hatte sich ganz eng zusammengerollt.

Er schnupperte zweimal. Dann zog er den Kopf wieder ein.

Und alles war wieder still.

Die beiden Mädchen saßen noch lange da und sagten nichts.

Es war nicht schwer.

Es war zum ersten Mal an diesem Tag überhaupt nicht schwer.

Am Abend, als der stille Tag zu Ende war und alle wieder reden durften, redeten Frida und Ida beide gleichzeitig los.

„ER IST DA!"

„Er ist in dem Haufen an der Hecke!"

„Er hat gepustet!"

„Wie eine kleine Nähmaschine!"

Fridolin Frühlingszwiebel stellte seine Kanne ab und lächelte.

„Ich weiß", sagte er. „Ich bringe ihm seit einer Woche Laub. Und ich drücke es nicht fest, sondern ziehe es auseinander. Das mit der Luft hat mir Benno gezeigt: Wo Luft dazwischen ist, wird es warm. Unten lasse ich ein Loch, damit er raus kann."

Ida machte den Mund auf.

Und dann machte sie ihn wieder zu und sagte: „Das hab ich gesehen. Ich hab nur nicht gewusst, warum."

„Jetzt weißt du es", sagte Fridolin.

Niki kam am Abend herum und sammelte die Karten wieder ein. Bella half ihr und legte sie zu einem ordentlichen Stapel.

„Und?", fragte Niki. „Wie war der stille Tag?"

„Schrecklich", sagte Frida sofort. „Bis nachmittags."

„Und dann?"

Frida überlegte lange, was für Frida ungefähr zwei Sekunden bedeutet.

„Dann war er das Beste", sagte sie.

Ida gab ihre Karte zurück und sagte den Satz, den sie sich gemerkt hat:

„Man kann auch was rausfinden, ohne zu fragen. Man muss dann nur länger gucken."

Sie nickte.

„Deshalb machen wir das", sagte sie. „Einmal im Jahr."

Seitdem gibt es in Gemüseland jedes Jahr im November einen stillen Tag.

Kein Rufen. Kein Rennen. Keine Fragen. Und alle bekommen eine kleine Karte für den Notfall.

Die meisten Kinder finden ihn immer noch schwer. Und keiner will ihn mehr weghaben.

Denn es ist der einzige Tag im Jahr, an dem man Pieks pusten hört.

Und Lara Linse, die kleinste von allen, hat an diesem Tag überhaupt kein Problem gehabt. Lara war den ganzen Tag still.

Am Abend, als alle wieder reden durften, hat sie als Erste den Mund aufgemacht.

„MEHR!", hat sie gesagt.

Ende

Geschichte weitersagen

Nur der Link — ohne Tracking, ohne Werbung

🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu