Vier Kerzen und ein Problem
Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre„ICH zünde an!"
„Nein, ICH!"
„Ich hab gestern schon gefragt!"
„Ich AUCH!"
Es war noch keine vier Uhr, und auf der Rathaustreppe wurde schon geschrien.
Angefangen hatte alles ganz ruhig.
Otto Oregano hatte am Vormittag den Kranz gebunden. Tannenzweige, Draht und dazwischen ein paar getrocknete Kräuter, damit es nicht nur nach Wald riecht, sondern auch ein bisschen nach Otto.
Er macht das jedes Jahr. Und jedes Jahr sitzt jemand anderes neben ihm und reicht ihm den Draht an. Dieses Jahr war es Polly Pflaume.
Rundherum steckte er vier Kerzen.
„Warum vier?", fragte Polly.
„Weil vier Sonntage bis Weihnachten sind", sagte Otto. „Heute soll eine brennen. Nächsten Sonntag zwei. Dann drei. Dann vier. Und dann ist es so weit."
Polly nickte, als hätte sie das immer schon gewusst.
Sie wusste es nicht. Sie wohnt noch nicht so lange hier. Bei ihr zu Hause, früher, gab es keinen Kranz.
Um vier wurde es dunkel, und um vier kamen alle.
Und da fing das Problem an.
Fünf wollten anzünden: Arvid, Till, Frida, Jakob und Hanna.
Polly wollte auch. Polly sagte aber nichts.
Auf dem Kranz standen vier Kerzen.
Und heute sollte genau eine brennen.
„Eine", sagte Otto. „Heute brennt eine. Das ist der erste Advent."
„Dann darf einer", sagte Emil Erbse und zählte an den Fingern. „Fünf, die anzünden wollen. Und vier Sonntage. Da bleibt sowieso einer über."
Das machte es nicht besser.
Sie schoben. Sie schimpften.
Arvid schob sich nach vorn und trat dabei Frida auf den Fuß. Frida schob zurück. Jakob wurde laut, machte den Mund wieder zu und atmete stattdessen dreimal tief ein.
„Wenn ihr so weitermacht", sagte Otto ruhig, „brennt heute gar keine."
Das half für ungefähr zehn Sekunden.
Dann ging es wieder los, und diesmal lauter.
Und dann tat Otto etwas, das keiner von ihm kannte.
Er steckte die Streichhölzer ein.
Er setzte sich auf die oberste Stufe und legte die Hände auf die Knie.
„Dann brennt heute eben keine", sagte er.
Es wurde sofort still.
Alle schauten auf den Kranz. Vier Kerzen standen darauf, alle vier kalt und weiß, und über dem Marktplatz war es jetzt richtig dunkel.
Es ist ein komisches Gefühl, wenn man sich so lange gestritten hat, dass am Ende gar nichts mehr passiert.
Niemand sagte etwas. Ein paar schauten auf ihre Schuhe.
Am Rand stand Polly und hatte die ganze Zeit nichts gesagt.
Sie sagt oft nichts, wenn viele durcheinanderrufen. Das war im Herbst bei der Kürbis-Nacht auch so. Sie stand damals ganz hinten und wusste nicht, wo man sich anstellt und ob man überhaupt darf.
Und dann stellte sich Freddy Fenchel neben sie und erklärte ihr alles. Ganz ruhig, während die anderen sangen.
Polly schaute sich um.
Und dann sah sie Lara.
Lara Linse saß auf dem untersten Stein der Treppe, ganz allein, mit ihrem kleinen Korb neben sich.
Lara ist eine Ernte alt. Letztes Jahr um diese Zeit hat sie das alles verschlafen.
Für Lara war das hier heute zum allerersten Mal.
Sie schaute die streitenden Kinder gar nicht an. Sie schaute den dunklen Kranz an. Sie hatte den Mund offen und rührte sich nicht.
Polly ging hin und setzte sich neben sie.
„Das ist ein Kranz", sagte Polly leise. „Da sind vier Kerzen drauf. Heute wird eine angemacht."
Lara zeigte auf den Kranz.
„Nächsten Sonntag zwei", sagte Polly. „Und dann drei. Und wenn alle vier brennen, ist Weihnachten."
Lara zeigte wieder auf den Kranz.
„MEHR!", sagte Lara.
Polly musste lachen. „Ja", sagte sie. „Jeden Sonntag mehr. Genau so."
Und während sie der Kleinen etwas erklärte, das die Kleine sicher nicht ganz verstand, verstand Polly plötzlich selbst etwas.
Sie stand auf.
Vorne wurde gerade Luft geholt, und deshalb hörten alle, was sie sagte, obwohl sie nicht laut war.
„Vier Kerzen und vier Sonntage", sagte Polly. „Dann ist doch jeden Sonntag einer dran."
Es wurde still auf der Rathaustreppe.
Otto drehte sich langsam um.
„Sag das noch mal", sagte er.
Polly wurde rot bis in die Blätter. „Heute einer", sagte sie. „Nächsten Sonntag der Nächste. Und so weiter. Dann muss man sich heute gar nicht streiten. Man muss nur wissen, wer wann."
„Und der fünfte?", fragte Emil. „Einer bleibt übrig."
„Das weiß ich nicht", sagte Polly ehrlich. „So weit bin ich noch nicht gekommen."
Da ging Otto zwei Schritte auf sie zu.
„Doch", sagte er. „So weit bist du schon gekommen. Der Rest ist meine Aufgabe."
Und dann holte er etwas aus der Tasche, womit keiner gerechnet hatte.
Eine fünfte Kerze. Eine kleine, dünne, die eigentlich für den Küchentisch gedacht war.
Er stellte einen flachen Deckel mitten in den Kranz und die kleine Kerze darauf.
„Auf Tanne tropft nichts", sagte er. „Merkt euch das."
Dann sagte er: „Fünf, die anzünden wollen. Fünf Kerzen. Vier gehören den vier Sonntagen. Die in der Mitte gehört keinem Sonntag. Die ist für den, der keinen zieht."
Und dann drehte er sich zu Polly um.
„Und du machst sie mit an", sagte er. „Du hast als Einzige nicht gerufen. Wer es gerade erst gelernt hat, ist genau der, der es als Nächstes weitergibt."
Sie machten es so:
Otto nahm fünf Tannenzapfen. Auf vier davon war ein Punkt, auf einem nicht.
Jeder von den fünfen zog einen, und Emil schrieb auf, wer welchen Sonntag hat.
Arvid zog den ersten Sonntag und machte dabei so einen Krach, dass Otto ihn lieber am Ärmel festhielt.
Und Hanna Hirse zog den Zapfen ohne Punkt.
„Dann bin ich die Mitte", sagte Hanna. Sie klang gar nicht traurig dabei.
Otto hielt das Streichholz. Arvid legte nur die Hand mit dran. Feuer machen in Gemüseland die Großen, immer.
Und die kleine Kerze in der Mitte machten Hanna und Polly zusammen an, auch wieder mit Ottos Hand.
Sie brannte krumm und tropfte sofort auf den Deckel.
„Die ist schief", sagte Arvid.
„Ja", sagte Polly.
Sie machte gar keinen Versuch, sie gerade zu stellen.
Danach saßen sie lange auf den Stufen.
Es roch nach Tanne und nach heißem Apfelsaft, den Bella Brokkoli verteilte. Über dem Rathaus hing der Mond, den keiner angeschaut hätte, wenn nicht Lara mit dem Finger daraufgezeigt hätte.
Lara war irgendwann in Pollys Ärmel eingeschlafen.
„Weißt du noch, bei der Kürbis-Nacht?", fragte Freddy Fenchel, der sich dazugesetzt hatte. „Da hab ich dir alles erklärt."
„Weiß ich noch", sagte Polly. „Jedes Wort."
„Und heute hast du es erklärt."
„Nur einer, die eine Ernte alt ist", sagte Polly. „Die hat wahrscheinlich gar nichts verstanden."
Freddy schaute zu Lara hinüber, die mit offener Hand schlief und immer noch ein bisschen in Richtung Kranz zeigte.
„Doch", sagte er.
Als sie gingen, machte Otto die Kerzen aus. Das macht immer ein Großer, und zwar als Letztes.
Und seitdem ist es in Gemüseland so:
Vier Sonntage, vier Namen, und jeder weiß vorher, wer wann dran ist.
Und in der Mitte steht eine fünfte. Die ist für den, der zum ersten Mal dabei ist.
Die zündet nie derselbe zweimal an.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu