Der Adventskalender
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreIn Rosas Backstube hängt seit dem ersten Dezember ein Brett an der Wand.
Auf dem Brett sind vierundzwanzig kleine Türchen. Jedes Türchen hat eine Zahl. Hinter jedem Türchen ist ein Fach.
Und in jedem Fach ist etwas drin.
Rosa hat drei Abende daran gebaut und keinem verraten, was in den Fächern ist.
„Nicht mal ein bisschen?", fragte Arvid Artischocke.
„Nicht mal ein bisschen", sagte sie.
„Nicht mal, was in einem einzigen ist?"
„Arvid."
„Ich frag ja nur."
Die Regel ist einfach: Ein Türchen pro Tag. Und jeden Tag darf ein anderer aufmachen.
Manchmal ist nur eine Kleinigkeit drin. Manchmal etwas fürs ganze Dorf.
Am ersten Dezember machte Rudi Rotkohl das erste Türchen auf.
Darin lag ein Zettel. Auf dem Zettel stand, dass heute alle auf dem Marktplatz singen.
Also sangen alle auf dem Marktplatz.
Am zweiten Dezember machte Frida das zweite auf. Darin lagen Nüsse für alle.
Und dann waren noch zweiundzwanzig übrig, und Arvid stand jeden Morgen davor.
Arvid Artischocke ist der, der als Erster losrennt. Arvid ist der, der zuerst „Ja!" ruft und danach fragt, worum es ging.
Warten ist für Arvid keine Sache, die er kann.
Am vierten Dezember stand er ganz allein in der Backstube.
Rosa war beim Brot. Draußen war es dunkel. Und vor ihm an der Wand hingen zweiundzwanzig geschlossene Türchen.
Er wollte nur gucken.
Das ist der Satz, mit dem in Gemüseland fast alles anfängt.
Er machte die Nummer siebzehn ein winziges bisschen auf. Nur einen Spalt.
Da war etwas Rotes drin.
Er machte sie noch ein bisschen weiter auf.
Es war ein rotes Band.
Und dann ging das Türchen ganz auf, weil kleine Türchen genau das machen, und in seiner Hand lag ein rotes Band, an dem etwas hing.
Es war ein kleines Glöckchen.
Es machte KLING.
Arvid stand da und hielt das Glöckchen fest.
Er wusste sofort, was das bedeutete: Am siebzehnten Dezember gibt es etwas mit Glocken.
Was genau, wusste er nicht. Aber etwas mit Glocken.
Und er wusste auch sofort, dass er das jetzt dreizehn Tage lang wissen würde und alle anderen nicht.
Er legte es zurück. Er machte das Türchen zu. Er drückte es fest.
Es ging wieder auf.
Er drückte fester.
Es ging wieder auf.
Da nahm Arvid ein Stück Kleber vom Tisch und klebte es zu.
Und das sah man. Man sah es sogar von der Tür aus.
Arvid ging nach Hause und lag lange wach.
Am nächsten Morgen zählte Emil Erbse die Türchen.
Emil zählt jeden Morgen, wie viele noch zu sind. Das macht er nicht, weil jemand ihn darum gebeten hat.
„Zweiundzwanzig", sagte er. Dann runzelte er die Stirn. „Zweiundzwanzig zu. Aber eins sieht anders aus."
Till Tomate ging hin und guckte genau hin. Till bleibt gern vor Sachen stehen. Er stand ziemlich lange vor der Siebzehn.
„Rosa", rief er. „Da war einer dran."
Alle kamen.
Rosa Rosenkohl schaute sich das Türchen an. Der Kleber war noch nass.
„Wer war das?", fragte sie.
Keiner sagte etwas.
Arvid guckte auf seine Schuhe und wurde ganz rot. Arvid wird nämlich rot, wenn er lacht. Und wenn er rennt. Und auch, wenn er etwas nicht sagt.
Es half ihm also genau gar nichts.
Er sagte trotzdem nichts.
Und dann sagte Till einen Satz, der alles schlimmer machte.
„Frida war gestern Abend hier."
Frida drehte sich um. „Ich war Nüsse holen!"
„Ich hab dich gesehen", sagte Till.
„Ja, weil ich NÜSSE geholt habe!"
Jetzt schrien zwei.
Bella Brokkoli stellte sich dazwischen und sagte gar nichts, sondern schaute nur reihum. Und als sie bei Arvid war, blieb sie stehen.
Arvid hielt es genau vier Sekunden aus.
„ICH WAR DAS", sagte er.
Es wurde still in der Backstube.
„Ich wollte nur gucken", sagte Arvid. „Nur einen Spalt. Und dann ging es auf. Türchen gehen einfach auf, das ist doch nicht meine Schuld."
Er schaute Frida an. „Und tut mir leid. Wegen vorhin."
„Du hast doch gar nichts gesagt", sagte Frida.
„Genau deshalb", sagte Arvid.
„Doch", sagte sie freundlich. „Ein bisschen schon."
„Ich weiß."
Er legte das Glöckchen auf den Tisch, obwohl keiner danach gefragt hatte.
Bella nickte ihm zu. Mehr machte sie nicht. Aber Arvid stand danach ein Stück gerader.
„Und jetzt ist das Schlimmste", sagte Arvid, „dass ich es weiß."
„Wieso ist das schlimm?", fragte Frida. „Ich fänd das gut."
Arvid schüttelte den Kopf.
„Weil ich mich jetzt bis zum Siebzehnten nicht mehr freuen kann", sagte er. „Ich kann nur noch warten. Freuen ist, wenn man es NICHT weiß."
Die Bäckerin setzte sich auf die Bank.
„Weißt du, wer das auch mal gelernt hat?", sagte sie. „Rudi. Mit seinem Kürbis. Der hat auch jeden Tag nachgeguckt und daran gezogen, und schneller ist gar nichts gewachsen."
„Und was hat geholfen?"
„Er hat sich was zu tun gesucht", sagte sie.
Arvid schaute die zweiundzwanzig Türchen an.
„Ich hätte da eine Idee", sagte er langsam. „Aber die ist ein bisschen komisch."
Am Nachmittag baute Arvid ein zweites Brett.
Er sägte, klebte, ließ zweimal etwas fallen und setzte sich einmal in den Kleber. PLUMPS.
Es war schief. Es hatte nur zwölf Fächer, weil er falsch gezählt hatte, und die Türchen gingen alle ganz schwer auf.
Aber in jedem Fach lag ein Zettel, und auf jedem Zettel stand, was er für jemanden tun würde.
Holz tragen für Rudi.
Mit Lara im Wagen fahren.
Fridolin die Schubkarre schieben.
Arvid sagte Till, was er alles tun könnte. Till schrieb es auf, und Arvid guckte dabei weg. Dann legte Till die Zettel in die Fächer und mischte sie.
So wusste Arvid zwar, was auf den Zetteln steht. Aber nicht, an welchem Tag was kommt.
„So", sagte Till. „Jetzt hast du auch was, wo du nicht reingucken kannst."
„Und wenn ich doch reingucke?"
„Dann klebt es der Nächste zu", sagte Till. „Und ich sehe das."
Bis zum siebzehnten Dezember hat Arvid nicht mehr an ein einziges Türchen gefasst.
An seinem eigenen Brett hat er zweimal geguckt. Beide Male hat er es zugemacht, bevor er etwas gesehen hat, und beide Male hat er es Till erzählt, ohne dass Till gefragt hätte.
Draußen lag inzwischen Schnee, und jeder Schritt knirschte.
Und als am siebzehnten Dezember das Türchen dran war, machte Rosa es auf und holte das rote Band heraus.
KLING.
„Für jeden eins", sagte Rosa und holte einen ganzen Korb voll hervor. „Heute Abend gehen wir einmal ums Dorf und klingeln. Bei jedem Haus einmal. Damit alle wissen, dass es bald so weit ist."
Alle jubelten.
Arvid jubelte am lautesten.
„Du wusstest es doch schon", sagte Frida.
„Ja", sagte Arvid. „Aber die anderen nicht. Und das war fast genauso gut."
Fast.
Ende
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu