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Der lauteste Tag des Jahres

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

Greta Gurke hatte eine Liste.

Oben stand: SILVESTER — SO LAUT WIE NOCH NIE.

Darunter stand alles, was Krach macht.

Töpfe. Deckel. Kochlöffel. Bleche. Der alte Eimer aus dem Schuppen. Arvid.

„Warum stehe ich auf der Liste?", fragte Arvid Artischocke.

„Weil du zählst", sagte Greta.

Er fand das großartig.

Es war der letzte Tag des Jahres, und in Gemüseland wird der laut.

Um Mitternacht geht das ganze Dorf auf den Marktplatz und macht Krach. So laut wie möglich. So lange wie möglich. So war das immer.

Greta hatte den Krach dieses Jahr geplant wie ein richtiges Musikstück.

„Erst die Deckel", las sie vor. „Dann die Töpfe. Dann alle zusammen, und zwar mindestens fünf Minuten."

„Zehn", sagte er.

„Fünf", sagte Greta. „Ich hab es ausgerechnet."

Am Nachmittag brachte Kalle Kürbis seinen Eimer auf den Marktplatz.

Kalle ist Angler. Kalle sitzt jeden Tag stundenlang am Bach und sagt nichts, und deshalb weiß Kalle Sachen, die sonst keiner weiß.

Er stellte den Eimer ab und blieb dann einfach stehen.

„Was ist?", fragte Greta.

„Nichts", sagte Kalle.

Greta kennt Kalle. Wenn Kalle „nichts" sagt, ist etwas.

„Kalle."

„Es ist wegen den Enten", sagte Kalle.

„Was ist mit den Enten?"

„Die schlafen am Bach", sagte Kalle. „Da, wo das Eis noch offen ist. Sechs Stück. Und letztes Jahr sind die um Mitternacht alle hochgeflogen. Im Dunkeln."

Greta schaute auf ihre Liste.

„Und?"

„Enten sehen nachts nicht gut", sagte Kalle. „Eine ist in den Zaun geflogen. Die hab ich am ersten Januar gefunden."

Er sagte es ganz ruhig, so wie Kalle alles sagt.

„Ist sie …?", fragte Greta.

„Nein", sagte Kalle. „Sie hat sich nur wehgetan. Nach drei Tagen ist sie wieder geschwommen." Er schaute auf seine Schuhe. „Aber drei Tage sind lang, wenn man am Bach wohnt."

Greta sagte erst mal gar nichts mehr.

Sie versuchte, es sich schönzurechnen.

„Wir machen es leiser", sagte sie. „Ein bisschen."

„Ein bisschen leiser hören die auch", sagte Kalle.

„Dann machen wir es woanders."

„Der Marktplatz ist zweihundert Schritte vom Bach. Weiter weg geht nicht, dann sind wir im Feld."

„Dann machen wir es kürzer!"

„Wie kurz?"

Greta schaute auf ihre Liste, auf der mindestens fünf Minuten stand, und wusste keine Antwort.

Am Abend war die Stimmung komisch.

Nach fünf Minuten wussten es alle, und jetzt gab es zwei Sorten von Leuten.

Die einen sagten: „Ist doch einmal im Jahr."

Die anderen sagten: „Und die Ente?"

Und ein paar sagten beides, kurz hintereinander, und ärgerten sich danach über sich selbst.

Till Tomate schlug vor, die Enten einfach woandershin zu tragen.

„Enten trägt man nicht", sagte Kalle. „Wilde Tiere fasst keiner an. Nicht die Enten, nicht Pieks, keinen."

„War ja nur eine Idee", sagte Till.

Arvid saß mit seinen zwei Topfdeckeln auf der Treppe und guckte auf den Boden.

„Ich freu mich seit Oktober darauf", sagte er leise.

Frida Fenchel setzte sich neben ihn.

Sie sagte nicht, dass es halb so schlimm ist. Sie sagte auch nicht, dass er sich nicht so anstellen soll. Sie sagte gar nichts und blieb einfach sitzen, bis er von selbst wieder aufstand.

Das kann Frida noch nicht lange. Sie hat es im November gelernt.

Um zehn setzte sich Greta allein an den Brunnen und nahm ihre Liste noch mal vor.

Sie strich nichts durch.

Sie schaute nur.

Erst die Deckel. Dann die Töpfe. Dann alle zusammen, mindestens fünf Minuten.

Und dann fiel ihr auf, was sie die ganze Zeit falsch gemacht hatte.

Sie hatte überall nach „leiser" gesucht.

Aber das Problem war gar nicht wie laut.

Das Problem war wie lange.

Sie holte Kalle.

„Wenn es einmal laut wird", sagte sie. „Ganz kurz. Und dann sofort wieder aufhört. Was machen die Enten dann?"

Kalle überlegte lange, so wie er alles lange überlegt.

„Dann erschrecken sie", sagte er. „Und dann setzen sie sich wieder hin. Schlimm ist, wenn es nicht aufhört. Dann fliegen sie weg."

Greta schrieb einen einzigen neuen Satz auf ihre Liste.

Dann stellte sie sich auf den Brunnenrand und pfiff auf zwei Fingern, so laut, dass alle sich umdrehten.

„NEUER PLAN!", rief Greta.

„Um zwölf schlagen wir EINMAL", rief sie. „Alle gleichzeitig. So laut wie wir können. Einmal."

„Einmal?", rief Arvid ganz erschrocken.

„Einmal", sagte Greta. „Und dann ist sofort Schluss. Und dann singen wir."

„SINGEN?"

„Singen ist auch laut", sagte Greta. „Aber es hört nicht plötzlich auf und fängt nicht plötzlich an. Davon fliegt keiner weg."

Es wurde geredet. Ziemlich lange sogar.

„Das ist doch kein richtiges Silvester mehr", sagte jemand.

„Dann ist es eben ein anderes", sagte jemand anderes.

Und Rudi Rotkohl sagte: „Ich mache das seit sechzig Ernten. Früher haben wir auch nur einmal geschlagen."

Das half.

Am Ende war er dafür, weil er am Ende immer für das ist, was gerade beschlossen wird.

Um zwölf standen achtzig Leute auf dem Marktplatz.

Jeder hatte etwas in der Hand. Töpfe, Deckel, Bleche, den alten Eimer.

Emil Erbse schaute auf seine Uhr und dann lieber noch einmal auf Bennos Armbanduhr.

„Meine Uhr sagt zwölf", rief er. „Und Bennos auch."

Bella Brokkoli war den ganzen Abend von Gruppe zu Gruppe gegangen und hatte gesagt, worum es geht. Jetzt stellte sie sich auf den Brunnenrand und hob beide Arme.

„Drei!", rief sie. „Zwei. Eins —"

Und dann machte Gemüseland ein einziges Mal so viel Krach, dass im Rathaus ein Fenster klapperte.

RUMMS.

Und dann war es still.

Ganz still.

Bella schaute sich um. Achtzig Leute standen da mit Töpfen in der Hand und wussten nicht, was jetzt kommt.

Und in dieser Stille fing hinten jemand an zu singen.

Es war Hanna Hirse, und es war das Lied vom krummen Kürbis, was gar nicht passte, aber es kannten alle.

Sie sangen es dreimal.

Sie sangen so laut, dass man es bis zum Maisfeld hörte.

Und am Bach, zweihundert Schritte weiter, saßen sechs Enten mit eingezogenen Köpfen und blieben sitzen.

Kalle war extra hingegangen, um nachzugucken. Emil war mitgegangen und hatte die Enten gezählt.

Sechs.

Er kam zurück, nickte Greta einmal zu und sagte nichts.

Das war das Beste, was Greta an diesem Abend passiert ist.

Seitdem ist Silvester in Gemüseland so:

Um zwölf einmal, so laut es geht. Und dann wird gesungen.

Greta hat den Satz ganz unten auf ihre Liste geschrieben, unter alles andere:

Zu einem Fest gehören auch die, die nicht mitfeiern können.

Arvid hat im nächsten Jahr gefragt, ob man vielleicht zweimal schlagen könnte.

„Nein", sagten alle gleichzeitig.

„War ja nur eine Frage", sagte Arvid.

Und dann sangen sie wieder.

Ende

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