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Die Spur ums Dorf

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

Niki Nuss hat keine Uhr. Sie steht auf, wenn sie wach ist.

Manchmal ist das mittags. Und manchmal ist es so früh, dass draußen noch alles dunkel ist.

An so einem Morgen im Januar guckte Niki aus dem Fenster. Frischer Schnee lag überall, glatt und weiß wie ein Bettlaken.

Und mitten durch den Schnee lief eine Spur.

Am nächsten Morgen war wieder eine Spur da.

Am Morgen danach auch.

Da zog Niki ihre dicke Jacke an und ging zur Gemüsepolizei.

„Da läuft jemand ums Dorf", sagte sie. „Jeden Morgen. Wenn es noch dunkel ist. Und keiner weiß, wer."

Dann überlegte sie.

„Und noch was. Immer wenn die Spur da ist, riecht es draußen so gut. Dann kriege ich Hunger."

Emil Erbse schrieb alles auf. Auch das mit dem Hunger. Emil schreibt immer alles auf.

„Das", sagte Bella Brokkoli, „ist ein Fall für die Gemüsepolizei."

Als es hell war, gingen Bella und Emil der Spur nach. Niki kam mit.

Die Spur fing am Marktplatz an. Sie ging einmal ganz rund ums Dorf. An Rudis Haus vorbei. An Ottos Haus vorbei. An Nikis Haus vorbei. Und dann hörte sie wieder am Marktplatz auf.

„Einmal rundherum", sagte Emil und malte einen Kreis auf seinen Zettel.

An ein paar Stellen war die Spur stehen geblieben. Da standen zwei Füße nebeneinander, so wie wenn jemand anhält und guckt.

„Da hat einer zu mir reingeguckt!", sagte Niki und bekam ganz große Augen.

Neben den Füßen war jedes Mal ein runder Fleck im Schnee. Da war der Schnee ein bisschen weggeschmolzen. Rund wie ein Teller.

Emil holte seinen Messstab heraus und maß, wie weit ein Schritt vom nächsten weg war.

„Ganz kurze Schritte", sagte er. „Nur so kurz." Er zeigte es mit den Händen.

„Kurze Schritte!", rief Bella. „Das ist doch klar! Das war ein Kind!"

„Ein Kind?", fragte Niki. „Ganz allein? Im Dunkeln?"

„Das finden wir raus", sagte Bella. „Mit der großen Stiefel-Probe!"

Alle Kinder aus Gemüseland brachten ihre Stiefel auf den Marktplatz. Bella stellte jeden Stiefel in einen Fußabdruck von der Spur.

Tills Stiefel: zu klein.

Mattis Stiefel: zu klein.

Fridas Stiefel: viel zu klein.

Arvids Stiefel: auch zu klein. Und beim Rausziehen fiel Arvid in den Schnee. PLUMPS.

Laras Stiefelchen verschwand fast ganz in einem einzigen Fußabdruck. Lara fand das großartig und wollte es gleich noch mal machen.

„Alle zu klein", sagte Emil und schrieb es auf.

Bella setzte sich auf den Brunnenrand. Kein Kind, kein Name, gar nichts.

„Jetzt weiß ich gar nichts mehr", sagte sie.

Aber dann guckte sie noch mal auf die Stiefel. Die vielen kleinen Stiefel. Und auf den großen Fußabdruck daneben.

„Emil", sagte Bella langsam. „Alle Stiefel waren zu klein. Dann war es gar kein Kind. Der Fuß ist groß."

„Aber die Schritte sind klein", sagte Emil.

Bella stand auf. Sie nahm Emils Mütze, hielt sie vor sich wie eine volle, heiße Schüssel und ging los. Ganz vorsichtig. Winzige Schritte.

„So gehe ich, wenn es glatt ist", sagte sie. „Und wenn ich was Warmes trage, das nicht runterfallen darf."

Dann blieb sie stehen und guckte auf Emils Zettel. Da stand ganz oben: Niki kriegt Hunger.

„Was Warmes", sagte Bella. „Ganz früh am Morgen. Und alle kriegen Hunger davon."

Emil guckte auf seinen Zettel. „Die runden Flecken!", rief er. „Da ist der Schnee weggeschmolzen. Da hat einer was Warmes abgestellt. Was Rundes. Einen Korb!"

„Einen Korb mit Brötchen!", rief Niki.

Und alle drei drehten sich zur Backstube um.

Rosa Rosenkohl ist die Bäckerin von Gemüseland. Sie backt, wenn alle anderen noch schlafen.

Hinter dem Fenster der Backstube war Licht. Emil klopfte.

Rosa machte auf. Sie hatte Mehl an den Händen, Mehl auf der Nase und sogar Mehl auf der Haube.

„Rosa", sagte Emil. „Gehst du jeden Morgen ums Dorf?"

„Na klar", sagte Rosa. „Mit dem ersten Korb Brötchen. Ich zähle."

„Du ZÄHLST?", fragte Emil. Seine Augen wurden ganz groß.

„Ich zähle die Fenster, wo schon Licht ist", sagte Rosa. „Wo Licht ist, sind die schon wach. Und wer wach ist, will gleich Brötchen. Dann weiß ich, wie viel ich noch backen muss."

„Und warum bleibst du stehen?"

„Weil ich den Korb abstellen muss. Ich zähle doch mit den Fingern." Rosa lachte. „Und kleine Schritte mache ich, weil es glatt ist. Einmal ist mir der ganze Korb in den Schnee gefallen. Die Brötchen sind bis zu Rudis Zaun gerollt."

Emil schrieb auf: Fall gelöst. Rosa zählt.

Dann guckte er Rosa an.

„Darf ich morgen mitzählen?"

Am nächsten Morgen, ganz früh im Dunkeln, gingen Rosa und Emil zusammen ums Dorf. Rosa trug den Korb. Emil trug den Zettel.

Bei Rudi war Licht. „Eins", sagte Emil.

Bei Otto war Licht. „Zwei."

Bei Christel. „Drei."

Bei Niki war Licht, und Niki stand im Schlafanzug hinter dem Fenster und winkte mit beiden Armen.

„Vier", sagte Emil. „Und die winkt."

„Die winkt, weil sie Hunger hat", sagte Rosa. „Das riecht sie."

Am Ende hatte Emil elf Striche auf dem Zettel. Und Rosa wusste genau, wie viele Brötchen sie noch backen musste.

Seitdem weiß auch Niki, wann sie aufstehen muss.

Niki hat immer noch keine Uhr.

Aber wenn es nach warmen Brötchen riecht, dann springt sie aus dem Bett.

„Ich brauche keine Uhr", sagt Niki. „Ich habe eine Nase."

Ende

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