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Heute bleibt das Eis zu

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

HATSCHI!

Das kam aus Willis Haus. Und gleich noch mal: HATSCHI!

Willi Wirsing lag im Bett. Er hatte eine rote Nase, eine Wärmflasche und drei Taschentücher in jeder Hand.

Und draußen lag der Teich. Zugefroren. Glatt und glänzend wie ein Spiegel.

In Gemüseland geht keiner aufs Eis, bevor Willi gepfiffen hat. Jeden Morgen geht er vorher ganz vorsichtig über das Eis und guckt, ob es hält. Erst dann pfeift er.

Aber heute konnte Willi nicht pfeifen. Heute konnte er nur niesen.

Christel Chicoree kam mit einem langen Seil zum Teich.

Sie band das Seil um den ganzen Teich herum, von Stock zu Stock. Dann rief sie die Gemüsepolizei.

„Ich muss mich heute um Willi kümmern", sagte sie. „Rudi sitzt auf der Bank am Teich. Wenn etwas ist, ruft ihr ihn sofort. Und ihr habt einen Auftrag."

Bella Brokkoli und Emil Erbse standen ganz gerade.

„Erstens: Heute geht keiner aufs Eis. Keiner. Auch nicht ein kleines bisschen."

„Verstanden."

„Zweitens: Geht einmal ganz um den Teich herum. Guckt euch das Eis am Rand an. Willi sagt immer: Dunkles Eis ist dünnes Eis."

„Verstanden."

„Und drittens", sagte Christel, „ihr werdet heute sehr oft Nein sagen müssen."

Christel hatte recht.

Zuerst kam Till Tomate. Mit Schlittschuhen über der Schulter und seiner roten Kappe auf dem Kopf.

„Nur bis zum großen Stein!", sagte er.

„Nein", sagte Bella.

„Nur einmal ganz schnell rundherum!"

„Nein", sagte Emil.

„Nur mit einem Fuß!"

„Nein", sagten beide.

Emil holte seinen Zettel heraus und machte drei Striche. Für jedes Nein einen.

Dann kamen Matti und Frida. Dann Hans und Lotta. Dann noch mehr.

Am Mittag hatte Emil siebenundzwanzig Striche auf seinem Zettel.

Zwischen den Neins gingen Bella und Emil um den Teich. Ganz langsam, am Rand entlang, am Ufer.

Das Eis war hell und weiß. Und hell und weiß. Und hell und weiß.

Und dann, da, wo der Erbsenbach in den Teich fließt, war es anders.

Da war das Eis dunkel. Fast schwarz. Und wenn man ganz still war, hörte man darunter Wasser. Gluck. Gluck.

„Dunkles Eis ist dünnes Eis", sagte Bella leise.

Emil holte einen großen Stein und legte ihn genau da ans Ufer. Bella malte mit dem Stiefel einen Pfeil in den Schnee, der auf die dunkle Stelle zeigte.

Emil schrieb auf: Am Bach: dunkel. Gluck gluck.

Am Seil standen jetzt alle Kinder von Gemüseland. Und alle guckten traurig.

Da kam Niki Nuss.

Niki ist die Ruhigste im ganzen Dorf. Sie macht Yoga. Sie sah, wie traurig alle guckten.

„Wenn ihr nicht aufs Eis dürft", sagte sie, „dann machen wir eben Schnee-Yoga."

„Was ist Schnee-Yoga?", fragte Till.

„Der Flamingo", sagte Niki. Sie stellte sich auf ein Bein und streckte die Arme aus. „Ganz ruhig stehen. Ganz still."

Alle stellten sich auf ein Bein.

Frida fiel um. Matti fiel um. Hans fiel auf Lotta, und Lotta fiel auf Matti.

„Der Schnee-Engel", sagte Niki und legte sich auf den Rücken.

Das konnten alle. Bald lagen zwanzig Schnee-Engel am Ufer, und alle lachten.

Nur Till lachte nicht so richtig. Er guckte immer wieder zum Eis.

Dann kam der Wind.

Er kam ganz plötzlich. Er fegte über den Teich. Und er fegte Till die rote Kappe vom Kopf.

Die Kappe flog übers Seil. Sie landete auf dem Eis. Und dann rutschte sie. Weiter. Und weiter. Bis sie liegen blieb.

Genau vor der dunklen Stelle.

„Meine Kappe!", rief Till. „Die hol ich! Ganz schnell!"

Er bückte sich unter dem Seil durch.

Da packte ihn Bella an der Jacke. Mit beiden Händen.

„NEIN."

Es war das lauteste Nein des ganzen Tages.

Till zog. Bella hielt fest.

„Lass los!", rief Till. „Das ist MEINE Kappe! Du bist gemein!"

„Da ist das Eis dunkel", sagte Bella. Sie hielt ihn immer noch fest. „Da gluckert es."

„RUDI!", rief Emil, so laut er konnte.

Rudi kam von der Bank gelaufen, so schnell er in seinen gelben Stiefeln konnte.

„Die Kappe bleibt da", sagte Rudi. „Die holt morgen Willi. Mit der langen Stange."

Till riss sich los. Er lief nicht aufs Eis. Er setzte sich in den Schnee und drehte Bella den Rücken zu.

Ohne Kappe. Sein Kopf wurde kalt.

Alle waren still. Keiner lachte mehr.

Bella stand da und hatte ganz kalte Hände. Sie wollte nicht gemein sein. Sie wollte nur, dass Till nicht ins Wasser fällt.

Da ging Niki zu Till. Sie nahm ihr Stirnband ab und zog es ihm über die Ohren.

Till sagte nichts. Aber das Stirnband behielt er auf. Es war schön warm.

Am Nachmittag wollte Hans Haferwurzel Lara Linse auf dem Schlitten ziehen. Aufs Eis.

„Sie will doch!", sagte Hans. „Guck, sie lacht!"

Till stand auf. Er ging zu Lara und hockte sich vor den Schlitten.

„Lara", sagte er. „Willst du aufs Eis?"

Lara guckte ihn an.

„Wirklich?", fragte Till noch einmal. „Ganz echt?"

Den ganzen Tag hatte Lara ein Wort gehört. Immer wieder. Immer wieder.

Sie atmete ganz tief ein.

„NEIN!", sagte Lara.

Es war erst ihr drittes Wort überhaupt. Alle guckten sie mit großen Augen an. Dann lachten alle, und Lara klatschte in die Hände, weil sie so ein gutes Wort gefunden hatte.

„Das beste Nein von allen", sagte Emil und machte einen extra dicken Strich. „Von Lara."

Am nächsten Morgen war Willi wieder gesund.

Er nahm die lange Stange und ging ganz vorsichtig aufs Eis. Christel hielt am Ufer das Seil. Tock, machte Willis Stange auf dem Eis. Tock. Tock.

Dann sah er den großen Stein am Ufer. Und Bellas Pfeil im Schnee. Da ging er gar nicht erst suchen. Er ging gleich zum Erbsenbach und klopfte nur einmal ganz leise auf das dunkle Eis.

„Da hält es nicht", sagte er. „Da geht keiner hin. Wer hat den Stein hingelegt?"

Emil hob die Hand.

Willi steckte sein rotes Fähnchen in den Schnee. Genau neben Emils Stein.

Dann holte er mit der langen Stange Tills Kappe. Ganz vorsichtig, vom hellen Eis aus.

Und dann pfiff er.

Till setzte seine Kappe auf. Er gab Niki das Stirnband zurück.

Dann drehte er sich zu Bella um.

„Kommst du mit?"

Und dann fuhren sie zusammen aufs Eis. Ganz nah nebeneinander.

Ende

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