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Die alte Schatzkarte

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

Frida Fenchel kam so schnell über den Marktplatz gerannt, dass ihr Körbchen wackelte.

„Eine Schatzkarte!", rief sie. „Ich habe eine echte Schatzkarte gefunden!"

Sie hielt ein altes Stück Papier hoch. Es war gelb und weich und hatte viele Knicke.

„Wo?", fragte Bella Brokkoli.

„Bei Oma Christel auf dem Dachboden. In einer Kiste mit alten Sachen vom Schwimmen."

Frida faltete die Karte auf dem Brunnenrand auseinander. Bella und Emil Erbse beugten sich darüber.

Auf der Karte war das Rathaus gemalt. Und der Brunnen. Und ein kleiner Baum. Vom Brunnen zum Baum liefen sieben kleine Fußabdrücke. Und neben dem Baum war ein dickes rotes Kreuz.

„Da liegt der Schatz", flüsterte Frida.

„Und wer hat die Karte gemalt?", fragte Emil.

Frida zuckte mit den Schultern. „Oma hat gesagt: Die kenn ich nicht. Glaub ich."

„Dann", sagte Bella, „kümmert sich die Gemüsepolizei darum."

Emil guckte sich die Karte ganz genau an. Mit der Lupe.

„Das Papier ist alt", sagte er. „Sehr alt. Ganz gelb."

„Und hier", sagte Frida und zeigte auf die Ecke, „ist ein kleiner Fisch gemalt."

Emil schrieb alles auf. Rathaus. Brunnen. Kleiner Baum. Sieben Schritte. Kreuz. Fisch.

„Der Fisch!", sagte Bella. „Fisch heißt Wasser. Der Schatz ist bestimmt beim Wasser. Wir müssen nur den kleinen Baum finden."

Sie guckten sich auf dem Marktplatz um.

Da stand das Rathaus. Da stand der Brunnen. Genau wie auf der Karte.

Aber einen kleinen Baum gab es am Marktplatz nicht. Nur den großen Kastanienbaum mit dem Schaukelbrett.

„Unten am Bach steht ein kleiner Baum", sagte Bella. „Eine ganz junge Birke. Beim Wasser! Wie der Fisch. Das muss er sein."

Oma Christel kam mit. Mit einem Spaten über der Schulter.

Christel schob den Schnee zur Seite. Darunter war die Erde weich. Sie grub neben der kleinen Birke.

Ein Spatenstich. Zwei. Drei.

Erde. Noch mehr Erde. Ein Regenwurm, der sich sehr beschwerte.

Kein Schatz.

Christel grub auf der anderen Seite. Und hinter der Birke. Und vor der Birke.

Nichts.

Frida setzte sich auf einen Stein. Ihr Körbchen stellte sie neben sich.

„Vielleicht hat ihn schon einer gefunden", sagte sie leise. „Vor ganz langer Zeit."

Bella guckte auf die Löcher im Boden.

„Falscher Baum", sagte sie und ließ die Schultern hängen. „Ich hab nur an den Fisch gedacht."

Emil sagte erst mal gar nichts. Er guckte auf die Karte. Dann auf seinen Zettel. Dann wieder auf die Karte.

„Das Papier ist alt", sagte Emil noch einmal. Langsam. „Sehr, sehr alt."

„Ja", sagte Bella.

„Das Rathaus ist noch genau da, wo es damals war. Der Brunnen auch. Die bleiben immer gleich."

„Ja."

„Aber ein Baum", sagte Emil, „bleibt nicht gleich. Ein Baum wächst!"

Bella sprang auf.

„Der Baum auf der Karte war damals klein", sagte Emil. „Weil die Karte so alt ist. Und jetzt …"

Alle drei drehten sich um. Zum Marktplatz. Zum großen Kastanienbaum.

„… jetzt ist er riesig", sagte Frida.

Sie rannten zurück auf den Marktplatz. Oma Christel kam mit dem Spaten hinterher.

Bella stellte sich an den Brunnen. „Sieben Schritte", sagte sie.

Emil machte sieben Schritte. Große Schritte. Er landete mitten auf dem Platz, weit weg vom Baum.

„Zu weit", sagte Bella.

Christel machte sieben Schritte. Noch größere. Sie landete fast an der Backstube.

„Viel zu weit", sagte Bella.

Dann guckte sie noch einmal auf die Karte. Auf die sieben kleinen Fußabdrücke.

„Die sind ganz klein gemalt", sagte sie. „Das hat ein Kind gemalt. Das sind Kinderschritte."

Bella stellte sich an den Brunnen. Und dann machte sie sieben ganz kleine Schritte. So klein, wie ein kleines Kind sie macht.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben.

Sie stand genau unter dem Kastanienbaum. Zwischen zwei dicken Wurzeln.

„Hier", sagte sie.

Christel grub.

Ein Spatenstich. Zwei.

KLONK.

Der Spaten stieß auf etwas Hartes.

Alle knieten sich hin. Frida kratzte mit den Händen die Erde weg. Und dann hielt sie es in der Hand: eine kleine Dose aus Blech. Rostig. Mit einem Deckel, der ganz fest saß.

Christel machte den Deckel auf. Es ging ganz schwer.

In der Dose lag eine blaue Murmel. Ein Bild von einem Fisch, mit Buntstift gemalt. Und ein kleines rundes Abzeichen aus Stoff. Darauf war ein Fisch gestickt.

Christel wurde ganz still.

Dann fing sie an zu lachen.

„Das ist ja MEINS!", rief sie. „Mein allererstes Schwimmabzeichen! Da war ich sechs!"

„Oma!", rief Frida. „Der Fisch auf der Karte! Der ist von dir!"

„Ich wollte es verstecken, bis ich groß bin", sagte Christel. „Damit ich es dann wiederfinde. Und dann …" Sie lachte und lachte. „Dann hab ich es vergessen! Fünfzig Jahre lang!"

Christel steckte sich das Schwimmabzeichen an die Jacke. Es war winzig. Sie war sehr stolz.

Und am Nachmittag vergruben Frida, Bella und Emil eine neue Dose unter dem Kastanienbaum. Frida legte eine Kastanie hinein. Bella ein Bild. Emil einen Zettel.

Dann malten sie eine neue Karte. Mit dem Rathaus. Mit dem Brunnen. Mit dem Baum, diesmal ganz groß. Und mit sieben Fußabdrücken.

Ganz unten schrieb Emil etwas drauf. In großen Buchstaben:

ACHTUNG: DER BAUM WÄCHST!

Ende

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